Vor ungefähr 2,5 Millionen Jahren betrat der Mensch die Bühne des Lebens und erwarb einen großen Einfluss auf die Welt um ihn herum. Im Laufe der Zeit entwickelten sich die Menschenaffen zu immer fortgeschrittenen Rassen, bis vor ca. 70 000 Jahren unsere Rasse, der Homo sapiens das Licht der Erde erblickte. Ebenfalls in diesem Zeitpunkt war die kognitive Revolution des Menschen, welche ihn an die Spitze der Nahrungskette katapultierte. In diesem Beitrag möchte ich eine sehr interessante Theorie beschreiben, die davon ausgeht, dass der Mensch den Schritt zu höherer Intelligenz, also zur kognitiven Evolution und damit die Entstehung von Sprache, einem Bewusstsein und Spiritualität durch die Einnahme psychoaktiver Pflanzen geschah.
Als Referenz gilt mir das sehr zu empfehlende Buch „Die Speisen der Götter (orig. Food of the Gods)“ von Terence McKenna, welches 1992 in Amerika veröffentlicht wurde. Terence McKenna war Sprachwissenschaftler, Bewusstseinsforscher und Wegbereiter der Ethnopharmakologie, sowie Begründer der „Stoned-Ape“ (zu Deutsch „berauschter Affe„) -Theorie.
Der Einfluss der Sprache
„Sprache ist der Schlüssel zur Welt“,
Wilhelm von Humboldt
Jede Tierart hat eine bestimmte Art der Kommunikation, um sich mit seinen Artgenossen verständigen zu können. Was den Menschen besonders macht, ist dabei seine enorme Flexibilität von Lauten und Zeichen und die Anwendung dieser. Der Mensch ist in der Lage, Mythen und Geschichten zu erfinden, was seine Kommunikation auf ein neues Level bringt. Durch Mythen und Symbole gelang es dem Menschen, eine größere Anzahl an Individuen an eine Gruppe zu binden und so eine große Gemeinschaft zu erzeugen.
Doch Sprache ist nicht nur ein Werkzeug zur Kommunikation, sondern ausschlaggebend für unser Denken. Sprache kreiert und definiert die Limits unserer Realität und erschafft ein Verständnis zur Welt, das wir Bewusstsein nennen. Die Fülle und Reichhaltigkeit unseres Wortschatzes ist essenziell für unseren Blick auf die Welt. „Realität wird nicht durch Sprache erfahren, sondern durch sie erst produziert„.
Sie ist notwendig für unser Leben geworden und gilt darum zu Recht als eine der mächtigsten Waffen, die der Mensch besitzt. Die Jäger und Sammler, die das größte Repertoire an Begriffen und vermittelbaren Bildern von Nahrung hatten, besaßen einen Vorteil und damit eine höhere Position in der Hierarchie. Wer wusste, welche Pflanzen wie zubereitet werden müssen, welche giftig oder gesund sind und den Nutzen jeder einzelnen dieser Pflanzen kannte, besaß ein Wissen, welches früher und auch noch heute über Leben und Tod entscheiden konnte.
Der Einfluss der psychoaktiven Pflanzen
Durch unsere heutige Ernährung und Nahrungsbeschaffung ist vielleicht vielen die Tatsache nicht mehr bewusst, wie bedacht und innig das Zusammenleben des Menschen mit seiner Nahrung war. Die Aufnahme von Essen war damals häufig mit einem spirituellen bzw. schamanischen Ritus verbunden und wurde unter einem ganz anderen Kontext wie heute verstanden. Wer eine Pflanze oder Tier isst, nahm einen Teil der Energie in sich auf und lässt es in ihm weiterleben. Daher war ebenfalls der Status des Tiers ein deutlich höherer.
Vermutet wird, dass es den ersten Kontakt zwischen Menschen und halluzinogenen Pilzen vor ca. 1 Millionen Jahren in Afrika gab. Dieser Kontakt entstand wahrscheinlich durch die Domestizierung und Haltung von Wild, in deren Dung die Pilze gedeihen konnten. Tiere wurden häufig verehrt und vergöttert, weshalb jedes ihrer Produkte, so auch der Dung, als Gabe der Götter angesehen wurde und daher mit Bedacht und Interesse zeremoniell konsumiert wurde.
Diese halluzinogenen Effekte könnten der Katalysator zur Entwicklung unserer Fantasie gewesen sein. Psilocybin fördert die visuelle Wahrnehmung und hat ebenfalls einen Einfluss auf unser Sprachempfinden. So könnte durch die Einnahme von Psilocybin unsere bis dahin primitive Kommunikation visualisiert und damit auf ein neues Level der Möglichkeiten gehoben worden sein. Wer bereits einmal Halluzinogene zu sich genommen hat, wird bestätigen können, dass sie die Wahrnehmung des Innenlebens deutlich verstärken.
So werden Gedanken visualisiert, die innere Stimme verstärkt und die Beziehung mit unserem, wie wir es nennen „Ego“ deutlich intimer und verändert. Dies könnte damals dazu geführt haben, dass die Entwicklung der Sprache zu mehr Selbstreflexion und damit wiederum zu einem Bewusstsein geführt hat. Nur sei bedacht, dass die ersten Homo sapiens bis zur Antike die innere Stimme oft nicht mit der ihrigen verbunden haben. Häufig kam der Gedanke auf, dass die innere Stimme die direkte Stimme Gottes sei, der zu ihnen spricht.
So war es damals üblich in spirituellen Ritualen, dass der Schamane der Gemeinde als Vermittler zwischen den Welten fungierte. Durch die Einnahme von psychedelischen Pflanzen wird uns eine Welt bewusst, die als transzendental beschrieben werden kann. Eine Welt so abseits von der Realität, dass sie einen Vermittler bedarf, welcher auf fremdem Terrain den Weg zur Klarheit leitetet. Im Allgemeinen vertritt Terence McKenna die These, dass wir als moderne Menschen den Kontakt zu dieser Welt verloren haben und uns daher weit vom ursprünglichen „Mensch-Sein“ entfernt haben. Dieser Kontakt wird in etlichen Religionen, beispielsweise dem Buddhismus oder Taoismus aufgegriffen und als essentiell zur Erreichung eines höheren Zustands, des „Seins“ beschrieben. Daher denkt McKenna, dass sie der Mensch von seinem Urzustand distanziert hat und sich ebenfalls unsere Wahrnehmung immer weiter limitiert.
Der „Stoned Ape“ als Gewinner der Evolution
Die Theorie erklärt den „konsumierenden Menschen“ als Gewinner der Evolution gegenüber anderen Menschenrassen. Da Psilocybin für eine Förderung der Sprache und Kommunikation sorgt, konnten sich die konsumierenden Menschen besser untereinander verständigen, was zu einem höheren Jagderfolg, höheren Sammelausbeuten, besserer Gemeinschaft und mehr Effizienz untereinander führte. Außerdem stimuliert Psilocybin unser zentrales Nervensystem und fördert unseren Sexualtrieb, sodass Psychedelika die Reproduktion und Fortpflanzung erhöhte.
Eine Idee ist, dass Psilocybin nutzende Menschen epigenetische Regeln und kulturelle Umgangsformen entwickelten, die sie dazu fähig machten, besser zu überleben als ihre Mitmenschen. So kann Psilocybin rein zufällig oder bewusst Einklang in die Ernährung genommen haben, was das Verhalten und den Umgang mit Essen veränderte und daher zu mehr Experimentierfreude führte. Psychedelische Pflanzen haben nicht nur den Vorteil des stärkeren Sexualtriebes, sondern zudem noch eine verstärkte und verbesserte Wahrnehmung von optischen und akustischen Reizen, was Jagd und Sammelerfolge erhöhen kann und eine allgemeine Antriebssteigerung.
Eine Theorie einiger Neurologen ist, dass es beim Homo Sapiens im Vergleich zu seinen Brüdern wie dem Homo Neanderthalensis oder Homo Denisova durch die entwickelte Sprache zu einer erhöhten Stimmbandvibration kam, welche eine Reinigung der Cerebrospinalflüssigkeit im Gehirn verursachte. Vielleicht wurde durch das erweiterte Sprechen diese „Spinnenweben“ im Kopf entfernt, weshalb der Homo Sapiens trotz seines im Vergleich mit dem Homo Neanderthalensis kleineren Gehirns intelligenter wurde.
Eine Theorie mit Botschaft
Über die Entwicklung des Menschen gibt es viele Theorien und so ist die „Stoned-Ape“ Theorie eben auch nur eine Möglichkeit. Jedoch ist es bei näherem Informieren über psychedelischen Pflanzen und die Effekte dieser auf uns Menschen, sehr wahrscheinlich, dass Psychedelika einen signifikanten Einfluss auf unsere Entwicklung hatten. Kulturhistorisch lässt sich sagen, dass der Konsum dieser Pflanzen in größten Teilen der Menschheitsgeschichte normal war und einen großen Einfluss auf das Leben unserer Vorgänger hatten.
Daher hat Terence McKenna recht, wenn er kritisiert, mit welchem Blick wir in diese Richtung schauen und wie kompromisslos natürliche Produkte der Erde als illegal und gefährlich abgestuft werden. Wie Paracelsus schon sagte „macht die Dosis das Gift“ und nichts sollte ohne Information eingenommen werden, doch könnten Psychedelika einen großen Nutzen für unsere rationale Welt haben. So wurden bereits in den 70er-Jahren positive Ergebnisse bei der Behandlung psychischer Krankheiten mit bspw. LSD erzielt.
Es gibt einen Grund, weshalb psychoaktive Pflanzen als illegal und verboten eingestuft werden. Wenn mehr Menschen in positive Beziehung mit ihnen geraten würden und gute Erfahrungen mit sich selbst und der durch sie hervorgerufenen Selbstlosigkeit machen würden, wäre es schwieriger, das Narrativ unserer konsumgesteuerten Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Für uns alltägliche Drogen wie Alkohol, Tabak, Zucker oder soziale Medien können dazu genutzt werden, Menschen leichter kontrollierbar, beeinflussbar und fügig zu machen. Für LSD oder Pilze gilt das nicht, diese bewirken eher das Gegenteil. Man könnte von einer großen Vernebelung durch Unterhaltung und leichten Rausch sprechen, in der wir uns seit geraumer Zeit befinden. Dies ist jedoch eine Entscheidung.
“If the words ‘life, liberty, and the pursuit of happiness’ don’t include the right to experiment with your own consciousness, then the Declaration of Independence isn’t worth the hemp it was written on.”
Terence McKenna (1946-2000)
Oder übersetzt
„Wenn die Worte “Leben, Freiheit und das Suchen nach Glück“ nicht das Recht zum Experimentieren mit dem eigenen Bewusstsein beinhalten, dann ist die Unabhängigkeitserklärung nicht das Papier wert auf der sie geschrieben wurde.“

