In diesem Beitrag möchte ich auf Ivan Illichs Buch „die Entschulung der Gesellschaft“ eingehen und sein Modell aufzeigen, wie Bildung in einer Gesellschaft ohne Schule sein könnte.
Warum Schule abschaffen?
Für Illich liegt das große Problem in der Schule an der Institutionalisierung von Werten. In der Schule wird gelehrt, Dienstleistungen anstelle von Werten zu akzeptieren. Bildung weicht dem Versetzwerden und Zeugnisse der Sachkenntnis. Gesundheit, Lernen, Unabhängigkeit und schöpferisches Bemühen wird alles abhängig von der Institution Schule gemacht. Das bedeutet, dass beispielsweise eigenes Lernen immer nur anhand des Parameters Schule gemessen und so in seiner Entfaltung stark limitiert wird. Die eigentliche Problematik und die Wurzel des Problems fallen weniger in Behandlung, da es gar keine Möglichkeit zur schulunabhängigen Entfaltung gibt. Ein Kind kann sich beispielsweise Vokabeln nicht sehr schnell merken und hat Probleme mit den Klassenarbeiten. Nun wird nicht die Problematik in der im Unterricht propagierten Methode gesucht, sondern im Kind.
Das Konzept Schule basiert vollkommen auf einer fiktiven, erzeugten Abhängigkeit. Gehorsamkeit und Obrigkeitshörigkeit sind unter anderem die wichtigsten gelehrten Eigenschaften. Du sollst nicht selbst lernen, dich selbst heilen oder selbst informieren. Warte auf einen Experten, der dir sagt, wie es geht, und hinterfrage dessen Methoden nicht!
Wichtig sind Mittel, die das eigene Lernen ermöglichen und ermutigen, denn nur so ist es möglich, aus dem Teufelskreis auszubrechen, welcher durch Schulen nur weiter gefördert wird. Ein Hauptschüler schafft es nur selten aus seinem Bildungsniveau auszubrechen, da er von vorne an durch seine angeblichen Probleme attestiert wird. „Solange das ärmere oder aus ungebildeten Haushalten stammende Kind für sein Wissen oder Weiterkommen auf die Schule angewiesen ist, wird er durchweg zurückbleiben und nicht wachsen„. So wahrt die Schule bewusst das gesellschaftliche Klassenbild. Allein durch das bloße Vorhandensein von Schule wird es im eigenen Lernen entmutigt und entmündigt.
„Obligatorische Schulbildung führt unweigerlich zur Polarisierung der Gesellschaft. Darüber hinaus dient sie als Kriterium für ein Einordnung ganzer Völker in ein internationales Kastensystem.“
„Die Schule ist zur Weltreligion eines modernisierten Proletariats geworden und macht den Armen des technischen Zeitalters leere Erlösungsversprechen.“
Durch die Schule wachsen wir im Glauben auf, dass Lernen meist ein Ergebnis von Unterricht ist, jedoch wird der meiste Teil des Wissens außerhalb der Schule erworben. Nicht durch Stundenpläne und durchstrukturierte Methoden lernen wir, sondern durch Interesse und Neugierde. Das kann nicht künstlich erzeugt werden und mit Zwang und Pflicht schon gar nicht. Zeugnisse dienen als Attest für den weiteren Lebensverlauf, dabei sind sie eigentlich Teil des Problems.
Eine entschulte Gesellschaft
Eine liberale Bildung setzt die Entbindung der Schulpflicht voraus. Diese dadurch entstehende Gesellschaft benötigt eine neue Einstellung zu beiläufiger und zwangloser Bildung. So müssen neue Wege gefunden werden, wie Lehren und Lernen gelingen kann.
Lernen bedarf keiner Manipulation durch andere. Durch Forcierung kann es unmöglich das optimale Resultat erzielen. Lernen ist ein aktiver Prozess und kann am besten durch Tätigkeit geschehen. Außerdem ist Lernen keinesfalls messbar. In der Schule wird der Mensch in eine Welt eingeführt, in der alles messbar ist, sogar die Fantasie. Das persönliche Wachstum ist jedoch keine messbare Größe und kann nicht an einer Skala abgelesen und eingestuft werden.
„In einer verschulten Welt ist der Weg zum Glück mit einem Verbraucherindex gepflastert“
Es muss bewusst gemacht werden, dass Lernen und wahre Bildung nicht durch den immerwährenden Konsum einer Dienstleistung funktionieren. Es kann nicht wie in der Aufteilung durch Klassen in ein „rituelles Spiel eines stufenweisen Aufrückens in hierarchische Ordnung“ inszeniert werden. So ist für Illich die Tätigkeit über dem Verbrauchen einzuordnen. Die Möglichkeit zur Bildung sollte nicht nur erlauben, sondern ein Leben des schöpferischen Tuns fördern, welches persönliches Wachstum über Sucht und Abhängigkeit stellt. Jeder hat die eigene Verantwortung für sein Wachstum und dies kann nicht von einer Institution abgenommen werden. Das gezwungene Abgeben dieser eigenen Verantwortung durch die Schule treibt viele „in eine Art von geistig-seelischem Ruin“.
Wege zum Lernen
Ein gutes Bildungswesen in einer Welt ohne Schule, so Illich, sollte drei Zwecken dienen:
- Es sollte allen, die lernen wollen, zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens Zugang zu vorhandenen Möglichkeiten gewähren.
- Es sollte alle, die ihr Wissen mit anderen teilen wollen, ermächtigen, diejenigen zu finden, die von ihnen lernen wollen.
- Schließlich sollte es allen, die der Öffentlichkeit ein Problem vorlegen wollen, Gelegenheiten verschaffen, die Sache vorzutragen.
„Lernende sollte weder gezwungen werden, sich einem obligatorischen Curriculum zu unterwerfen, noch sollten sie danach unterschieden werden, ob sie ein Zeugnis oder Diplom besitzen oder nicht.“
In einem guten Bildungssystem sollte den Lernenden den Zugang zu Bildung erleichtern. Es sollte Räume zum Austausch, zur Information und aktiven Tätigkeit bieten. Nicht „was soll gelernt werden?“ muss am Anfang stehen, sondern die Frage:
„Mit was für Dingen und Menschen möchten Lernende wohl in Berührung kommen, um zu lernen?“
Wodurch es gelingen könnte
1. Nachweisdienste für Bildungsgegenstände
Wer methodisch lernen will, braucht einen Zugang zu gewöhnlichen, wie auch speziellen Gegenständen. Zur Holzbearbeitung werden Äxte, Sägen, Hobel etc. benötigt. Wer nach Quellen zur Wassergewinnung sucht, braucht eine Filteranlage. Die Funktionsweise eines Autos wird am besten gelernt, indem man es auseinandernimmt und bestenfalls wieder zusammensetzt. Das Gleiche gilt für elektronische Geräte wie Radio, Fernseher oder Computer. Indem diese Materialien in einem gesicherten Raum zur Verfügung gestellt werden, kann sich jeder Interessierte dort informieren und so methodisch Praxis und Theorie verbinden. In unserer heutigen Gesellschaft verlieren wir immer mehr das Bewusstsein für das Wie. Wie funktioniert was?
Unsere praktischen Kenntnisse werden seit Jahrhunderten immer geringer, je weiter Technik automatisiert und unser Leben vereinfacht wird. Dies verhindert das Lernen von praktischen, durchaus lebenswichtigen Fähigkeiten, die jederzeit wieder relevant werden können. Wie mache ich ein Feuer? Wie filtere ich Wasser? Wie überlebe ich in der Natur? Wir benötigen eine deutlich höhere Verknüpfung von Theorie und Praxis und sollten die Möglichkeit haben, dies an einem physischen Objekt zu lernen.
Mit der Schule wird diese Lust zum methodischen Lernen gehemmt. Der Schüler lernt das Laboratorium zu hassen, weil er an die Schule denkt. Die Holzwerkstatt wird schnell zur benoteten Aufgabe und bietet keinen Raum für Kreativität und eigenständige Gestaltung. Man sollte also den bildenden Aspekt all dieser Gerätschaften anerkennen und sie zur Verfügung stellen in einem sicheren Raum. Wenn so den Kindern Vertrauen in ihre Fähigkeiten gezeigt wird, ist dies ein großer Schritt zur Mündigkeit.
2. Börsen für Fertigkeiten
Im Gegensatz zu einer Gitarre kann ein Gitarrenlehrer weder in einem Museum ausgestellt werden noch in einem Warenhaus vermietet werden. Menschen mit Fertigkeiten, die bereit wären, diese an andere weiterzugeben, gibt es viele. Jedoch werden sie häufig wegen einer fehlenden Qualifikation von der lehrenden Möglichkeit ausgeschlossen. Jeder sollte die Möglichkeit haben, eine Fähigkeit zu lehren und dafür eine Plattform geboten zu bekommen. Gute und schlechte Lehrer würden schnell durch die Lernenden aussortiert werden und so kämen die Lernbegeisterten in die erfreuliche Lage, von einem guten Lehrer interessante Fähigkeiten gelehrt zu werden. Auf freiwilliger und daher sehr fruchtbarer Basis.
3. Partnervermittlung
Den Kindern wird häufig durch das Erstellen einer zufällig ausgewählten Klasse vermittelt, dass sie sich ihre Freunde unter denen suchen sollen, mit denen man sie zusammenbringt. Jedoch sollte jedermann freistehen, sich seinen Partner für die jeweilige Tätigkeit selbst auszusuchen. Dafür benötigt es eine Vermittlungsplattform, die Menschen mit gleichen Interessen zusammenbringt, um miteinander lernen zu können. Menschen, die über besondere Bücher oder Aufsätze diskutieren möchten, über die Leidenschaft von Filmen oder Aquariumbau könnten so auf einer Plattform Partner finden. Es wäre eine Einrichtung, die die Chancen deutlich vergrößert, Gleichgesinnte zu finden. Dafür sollte ein Kommunikationsnetzwerk geschaffen werden, das dies ermöglicht.
4. Lehrer und Mentoren jeder Art
Die Entschulung der Bildung sollte die Suche nach Menschen mit praktischem Wissen eher verstärken als ersticken. Daher benötigen Eltern Anleitung, um ihre Kinder auf dem Weg zur selbstständigen Bildungsverantwortung zu führen. Lernende benötigen oft Führung, wenn sie auf raues Gelände stoßen. Diese Aufgabe sollte der Pädagoge übernehmen. So könnte ein wissbegieriger Schüler von Zeit zu Zeit zu ihm kommen, um fachmännischen Rat einzuholen. Wichtige Ratschläge, ein Fingerzeig, praktische Hilfe. Diese Aufgaben sollte der Pädagoge übernehmen, um dem Schüler bei der Suche nach dem Weg zu helfen, der ihn am schnellsten zu seinem Ziel bringt. Nicht manipulieren und einen gewissen Weg für ihn bestimmen, aber als helfende Hand agieren. Das könnte beispielsweise darin liegen, dem Lernenden spannende Bücher, einen Lernpartner mit viel Wissen in einem Bereich oder eine Bildungsreise zu empfehlen.
Aus dieser Beziehung könnte sich manchmal auch ein Verhältnis zwischen Meister und Schüler entwickeln. So agiert der Mentor als Wegweiser und der Schüler als Lehrling mit neuen Ansätzen. Zu solch einem Verhältnis sagt unter anderem der dominikanische Philosoph Thomas von Aquin:
„Ein solches Lehren ist stets ein Luxus für den Lehrer und für ihn den Schüler eine Art von Muße. Eine Tätigkeit, die für beide sinnvoll ist und darüber hinaus keinen Zweck verfolgt„
Zusammengefasst:
- Man muss freien Zugang zu Dingen schaffen, indem man die Kontrolle beseitigt, die Personen und Institutionen heute über deren Bildungswert ausüben
- Man muss das Weitergeben von Fähigkeiten ermöglichen, indem man die Freiheit garantiert, Fertigkeiten auf Wunsch zu lehren oder auszuüben
- Man muss die kritischen und schöpferischen Fähigkeiten der Menschen freilegen, indem man dem einzelnen wieder die Möglichkeit gibt, Zusammenkünfte einzuberufen und abzuhalten
- Man muss den einzelnen von der Verpflichtung befreien, seine Erwartungen den Dienstleistungen anzupassen.
„Das Wesen, dessen die Schule als Klient bedarf, besitzt weder die Autonomie noch die Motivation, um selbstständig heranzuwachsen.„
Fazit
Ivan Illich schrieb das Buch „Die Entschulung der Gesellschaft“ im Jahre 1971, also mehr als vor 50 Jahren. Er beschreibt darin genau das, was auch noch in unserer heutigen Gesellschaft zu einem der größten Probleme zählt. Die Institution Schule. Für ihn war klar, dass dieses System nicht mehr lange so funktionieren kann und es zwanghaft zu einer Änderung, einer Bildungsrevolution kommen muss. Dies ist 50 Jahre später keinesfalls der Fall und so hat sich unser Schulsystem in den Grundsätzen überhaupt nicht geändert. Immer noch ist der unsichtbare Lehrplan der Schule (Hier zum Blogbeitrag) tonangebend und es ist keine Veränderung in Sicht.
Wir sollten erkennen, was die Schule mit unseren Kindern macht und wie sie Autonomie und Selbstbestimmung sowie Interesse und Neugierde im Keim erstickt. Durch die Schule lernen wir zu gehorchen und uns selbst unterzuordnen.
Als Schlusssatz schreibt Illich Folgendes:
„Was wir brauchen, das ist eine Umwelt, in der ein klassenloses Heranwachsen des Menschen möglich wäre; oder wir werden in einer schönen neuen Welt leben, in der Big Brother uns alle erzieht“

