Wie Fotografie unsere Realität formt: Ein Einblick in Susan Sontags Essay

„Noch nicht zu höherer Erkenntnis gelangt, hält die Menschheit sich noch immer in Platos Höhle auf und ergötzt sich- nach uralten Gewohnheiten- an bloßen Abbildern der Wahrheit.“

Mit diesem Satz beginnt der 1977 erschienene Essay „In Platos Höhle“ von der Autorin und Kulturkritikerin Susan Sontag (1933–2004) aus ihrem Sammelband „Über Fotografie“.

Dieser überaus interessante Text geht davon aus, dass die Fotografie unsere Wahrnehmung und das Verständnis der Realität beeinflussen und formen kann. Fotos bilden die Welt nicht nur ab, sie interpretieren sie auch und verändern die Art und Weise, wie Menschen Erinnerungen, Ereignisse und soziale Realitäten wahrnehmen. Wie die Schattenfiguren im Gedankenspiel der platonischen Höhle zeigt uns die Fotografie die moderne Welt und lenkt, sowie manipuliert die Perspektive des Betrachters. Darauf möchte ich nun näher eingehen.

Was ist Fotografie?

Fotografieren heißt, sich das fotografierte Objekt aneignen. Es heißt, sich selbst in eine bestimmte Beziehung zur Welt setzen, die wie Erkenntnis- und deshalb wie Macht- anmutet. „

Nehmen wir unser Handy, eine Spiegelreflex, oder Polaroidkamera zur Hand, so besitzen wir die Entscheidung, welche „Miniaturen der Realität“ wir anfertigen möchten. Weniger bieten diese Bilder jedoch tatsächliche Aussagen, mehr sind sie Bruchstücke der Welt. Durch das Fotografieren wird versucht, ein Spiegelbild zu erstellen, doch bleiben sich wie ein Gemälde oder Zeichnungen nur eine eine Interpretation der Welt.

Heute, in Zeiten von Handykameras, hat die Fotografie einen anderen Stellenwert. Im Vergleich zu Fotografievirtuosen wie Alfred Stieglitz oder Paul Strand, welche unvergessliche Fotos komponierten, ein liebevolles Abbild des „da draußen“ zeigen wollten, liegt der heutigen Fotografie meist eine Allgegenwärtigkeit zugrunde, in welcher Sontag ebenfalls ihre Aggressivität sieht. „Jedem Zücken der Kamera wohnt Aggressivität inne. „

Fotografie als Form der Massenkunst

Von der Fotografie als Kunstform wandelte sich deren Natur mit fortschreitender Industrialisierung zu einer Form der Massenkunst, welche von den meisten Menschen nicht als Kunst betrieben wird. Mehr ist es ein gesellschaftlicher Ritus, ein Abwehrmittel gegen Ängste oder ein Instrument der Macht. So kennt man das gemeinsame Posieren bei Familienzusammenkünften, welches als „eine tragbare Kollektion von Bildern, … (welches) Zeugnis von familiärer Verbundenheit ablegt“ dienen soll. Das Fotoalbum wird oft zur letzten geisterhaften Spur zeichenhafter Präsenz der vielen verstreuten Angehörigen, welches mit Liebe aufgehoben wird und immer wieder aufs Neue betrachtet wird.

Auch hilft die Fotografie dem Menschen, Besitz von seiner Umwelt zu ergreifen, in der er sich unsicher fühlt. „So entwickelte sich die Fotografie zum Zwillingsbruder der kennzeichnenden aller modernen Aktivitäten: des Tourismus. Es scheint schlechterdings unnatürlich, zum Vergnügen zu reisen, ohne eine Kamera mitzunehmen … Fotos sollen den unwiderleglichen Beweis liefern, dass man die Reise unternommen, das Programm durchgestanden und dabei seinen Spaß gehabt hat.“

Fotografieren als Form der Verweigerung von Erfahrung

„Fotografieren bedeutet aber auch eine Form der Verweigerung von Erfahrung- indem diese auf die Suche nach fotogenen Gegenständen beschränkt wird, indem man Erfahrungen in ein Abbild, ein Souvenir, verwandelt. Reisen wird zu einer Strategie, die darauf abzielt, möglichst viele Fotos zu machen. Allein schon das Hantieren mit der Kamera ist beruhigend und mildert das Gefühl der Desorientierung, das durch Reisen oft verschärft wird. „

Gehen wir heute in eine moderne Stadt, in ein Konzert oder ein Museum, so fällt auf, wie viele Menschen die Welt nur durch ihre Fotokamera wahrzunehmen scheinen. Selbst heilige Orten, wie Kirchen, Moscheen, buddhistischen Tempeln sind nicht vor der wütenden Menge an Knipslichtern geschützt. Reisen macht viele orientierungslos und so finden sie im Fotografieren Halt und eine angenehme Arbeit. So fällt auf, dass insbesondere jene Touristen diese Methode benutzen, „welche zu Hause einer erbarmungslosen Arbeitsethik unterworfen sind, die Deutschen, Japaner, Amerikaner. „

Fotografie soll nur noch den Anschein der Teilnahme an irgendetwas wecken, soll eine Erfahrung spiegeln, welche so nie gemacht wurde.

Fotografieren als Realitätsverzerrung

„Ein Foto ist zugleich Pseudo-Präsent und Zeichen der Abwesenheit. Wie ein gemütliches Kaminfeuer regen Fotografien- namentliche solche von Menschen, fernen Ländern, fremden Städten und längst vergangenen Tagen- zu Träumereien an. Das Gefühl der Unerreichbarkeit, das Fotos auslösen können, wirkt sich unmittelbar auf die erotischen Gefühle derer aus, die etwas für um so begehrenswerter halten, je weiter es entfernt ist.“

So kann man an prägende Bilder des 20. Jahrhunderts denken. An die weinenden, vom Krieg zerrütteten Kinder auf den Straßen Vietnams, dem amerikanischen Matrosen, welcher nach der Aufgabe Japans ein Mädchen auf offener Straße küsst, an Buzz Aldrin auf dem Mond oder den ernsten Blick Che Guevaras. „Ein Ereignis, das wir durch Fotografien kennen, erlangt für uns zweifellos mehr Realität, als wenn wir diese Bilder nie gesehen hätten“.

Doch auch wird das Entsetzliche immer Alltäglicher, tötet unser Gewissen so sehr ab, wie es aufrüttelt. Das Bild macht ein Geschehnis unvermeidlich, gleichzeitig nah wie fern.

Leben wir noch immer in Platons Höhle?

In Zeiten, in denen fast 100 Millionen Bilder pro Tag gemacht werden, jährlich nach Schätzungen ungefähr 1,81 Billionen gilt es wieder einen Blick für die Realität zu gewinnen. Unsere Welt ist nicht da, um abgelichtet zu werden, sie ist da, um erlebt zu werden.

Susan Sontag spricht in ihren Abschlusssätzen von der „Industriegesellschaft, welche Bürger in Bilder-Süchtige verwandelt“ und stellt dies als „unwiderstehlichste Form von geistiger Verseuchung“ dar und das wohlgemerkt im Jahre 1977. Was würde sie zu unserer heutigen Zeit sagen? Sie spricht vom „Drang zu Fotografieren“, welcher sich als Eigenschaft im modernen Menschen entwickelt hat, von einer Kunstform, welche keine mehr ist, und spricht damit einen interessanten Punkt an.

Ist unsere Wahrnehmung der Realität wirklich noch mehr als nur Schattenbilder in einer Höhle? Nehmen wir die Welt noch wirklich wahr oder nur durch die Augen einer Kameralinse, deren Erzeugnisse heute sogar noch weiter bis zur Unkenntlichkeit mit Filtern bearbeitet wird? Was macht das dauerhafte Fotografien mit uns? Ihr Essayband „Über Fotografie“ ist daher nur zu empfehlen, um einen verstärkten Blick auf das Fotografieren zu werfen.

1 Kommentar zu „Wie Fotografie unsere Realität formt: Ein Einblick in Susan Sontags Essay“

  1. Wie ist für Sie die selbst darstellende Fotografie zu interpretieren in dem Zusammenhang zu Sontag’s Textes?
    Denken Sie, dass das regelmäßige Fotografieren des eigenen Selbst sich fördernd oder beeinträcrhtigend auf die Selbstwahnehmung auswirkt?

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