Der Weg der Samurai, also des japanischen Kriegeradels, war gepflastert mit einem Verhaltenskodex, einer stolzen Philosophie, unter welcher sie lebten und handelten. Dieser Kodex, auch Bushido 武士道 von „Weg (dō) des Kriegers (Bushi)„, war ihr Leitfaden. Entstanden im japanischen Mittelalter, setzte er sich aus den Gedanken dreier Glaubensrichtungen zusammen.
Der Buddhismus lehrte ihnen, dem Schicksal zu vertrauen. Eine Unterwerfung vor dem Unvermeidlichen und die stoische Gelassenheit angesichts von Gefahr und Glück
Der Shintoismus lehrte ihnen die Loyalität gegenüber ihrem Herrscher, die Verehrung der Ahnen und Pietät. In Shintoismus werden die Kräfte der Natur verehrt und die unter Kami 神 verehrten Geister und Gottheiten.
Der Konfuzianismus war die Quelle der Moral und zeigte strikte ethische Doktrinen, nach denen sie sich richteten.
Aus der Vermischung dieser 3 Glauben entstand ein Ehrenkodex mit sieben Tugenden, auf welche ich nun näher eingehen möchte. Zuvor sei noch gesagt, dass Bushido ein idealisiertes Bild der japanischen Samurai aufzeigt. So wurde es durch unterschiedliche Kulturprodukte romantisiert und zeigt keinesfalls die historische Realität, in welcher Heimtücke, List und Ehrlosigkeit oft an der Tagesordnung war. Dennoch sind die Erkenntnisse des Kodex auch noch für heute relevant und interessant, wenn auch nur als zeithistorisches Zeugnis. Beziehen werde ich mich in diesem Text auf das Buch Bushidō von Nitobe Inazō.
Die Sieben Tugenden
Gi (義): Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit

Rechtschaffenheit ist die Kraft, ohne zu zögern, sich für eine Verhaltensweise je nach Anlass zu entscheiden, zu sterben, wenn der Tod angebracht ist und zuzuschlagen, wenn es erforderlich ist
Für die Samurai war Rechtschaffenheit ein Pfad, um das verlorene Paradies wiederzuerlangen. In Zeiten militärischer List und Falschheit wurde es als Ausdruck der Überlegenheit angesehen, Gerechtigkeit walten zu lassen. Als höchstes und hellstes Juwel gepriesen, war es eine Tugend, welche sowohl im Kampf als auch in der Familie oder Gemeinschaft erwartet wurde.
Yu (勇): Mut

Das Richtige wahrzunehmen und es nicht zu tun, ist ein Mangel an Mut.
Konfuzius
Samurai hatten die Vorstellung, dass wahrer Mut das Leben und Sterben zur richtigen Zeit war. Im mutigen Geist findet sich auch ein sportliches Element wieder. Dinge, die anderen als ernst erscheinen, sind für den Mutigen oft nur ein Spiel. Bereits von klein auf wurde den angehenden Samurai Geschichten von den heroischen Taten ihrer Ahnen erzählt. Von Tapferkeit, Stärke, Furchtlosigkeit und anderen Eigenschaften, welche sie in ihrem kindlichen Spiel nacheifern versuchten. Mut wurde nicht als Torheit betrachtet, sondern als eine der ehrwürdigsten Tugenden, die man sich vorstellen konnte. Für die Familie im Kampf zu sterben, war für viele Samurai der Zenit des Ehrwürdigen.
Jin (仁): Menschlichkeit

Der Herrscher kultiviert zuerst seine Tugend, wenn er tugendhaft ist, kommen die Menschen von selbst zu ihm
Bushi no nasake, oder ritterliche Mitmenschlichkeit wurde oft als höchste aller Tugenden angesehen. Es war die höchste Eigenschaft der menschlichen Seele. In Japan war klar, dass die Tapfersten auch gleichzeitig die Zärtlichsten, die Liebenden die Waghalsigsten waren. Mitmenschlichkeit siegt über Unmenschlichkeit, wie Wasser das Feuer besiegt. Samurai waren stolz auf ihre kriegerische Stärke, doch auch voller Demut. Nicht ohne Grund hielten die Krieger oft still, um ein Gedicht zu verfassen. Jeder, der Bildung genoss, betätigte sich entweder als Poet oder Verseschmied, da es die japanische Dichtkunst war, welche voller Zärtlichkeit friedfertige Gefühle kultivierte. Die beliebteste Art des Gedichts war dabei das Haiku 俳句. Diese Verse bestehen aus drei Sätzen. Fünf Silben in der ersten Zeile, sieben in der Zweiten und fünf in der Dritten. Eines des bekanntesten Haikus handelt vom legendären Krieger Minamoto no Yoshitsune, der in einer Schlacht seinen Tod gefunden hatte und lautet so:
Sommergras
ist die letzte Spur
von den Träumen der Kriegernatsugusa ya 夏草や
tsuwamonodomo ga 兵どもが
yume no ato 夢の跡
Leider ist die deutsche Sprache nicht fähig, den Versen die Bedeutung zu verleihen, welche sie im Japanischen besitzt.
Rei (礼): Einhaltung der Etikette, Höflichkeit

Höflichkeit ist eine armselige Tugend, wenn sie nur von der Angst, den guten Geschmack zu verletzen, angetrieben wird. Vielmehr sollte sie dir sichtbare Manifestation einer verständnisvollen Haltung gegenüber dem Empfinden anderer sein
Wird in Amerika ein Geschenk überreicht, so preist man es in den höchsten Tönen, in Japan setzt man das Geschenk bewusst herab. In Amerika bedeutet ein Geschenk:
Das Geschenk ist schön und es wäre eine Beleidigung, ihnen etwas zu schenken, das nicht schön ist.
In Japan wiederum:
Sie sind eine nette Person und kein Geschenk ist so gut, als dass es Ihnen genügen könnte.
Höflichkeit soll keine reine Äußerlichkeit sein, sondern in ihrer höchsten Ausprägung der Liebe nahekommen. Das ist das Ideal, nach dem ein Samurai strebt.
Makoto (誠) oder Shin (真): Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Unverfälschtheit

Ohne Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit ist Höflichkeit nichts anderes als eine Farce und Schau
Lügen und Ausflüchte galten als Feigheit gleichermaßen. Zwar war und ist es in Japan gewöhnlich üblich, die Wahrheit zugunsten der Höflichkeit zu opfern, doch dies war unter den Samurai weniger der Fall. Dort wurde es als am wichtigsten angesehen, sich selbst treu zu bleiben, also nicht von der Wahrheit abzuweichen.
Meiyo (名誉): Ehrbewusstsein

Der Weg ist der Weg von Himmel und Erde, der Mensch hat ihn zu befolgen. Deshalb ist das Ziel des Lebens, den Himmel zu verehren. Der Himmel liebt mich und die anderen mit der gleichen Liebe, deshalb sollst du andere genauso lieben wie dich selbst. Mache nicht den Menschen zu deinem Partner, sondern den Himmel, und du wirst gut daran tun. Verdamme andere nicht, sondern trachte danach, deine Unzulänglichkeiten zu verbessern
Viele junge Männer betrachteten das Leben im alten Japan als nichtig, wenn es um Ehre und Ruhm ging. Wann immer sich die Gelegenheit bot, ihre Ehre zu beweisen, waren sie bereit, ihr Leben ohne zu zaudern aufzugeben. Ein Ausgleich zur Empfindlichkeit, mit welcher viele den Ehrenkodex betrachteten, brachte der erste Shogun (Rang kann man einem Herzog verglichen werden) des Tokugawa Shogunats Ieyasu mit Maximen, welche mit dem folgenden Epigramm zusammengefasst werden können:
Nobunaga sagte: Ich werde die Nachtigall töten, wenn sie nicht rechtzeitig singt.
Hideyoshi sagte: Ich werde sie zwingen, für mich zu singen.
Ieyasu hingegen sagte: Ich werde warten, bis sie für mich den Schnabel öffnet.
Chūgi (忠義), auch Chū (忠): Loyalität, Pflichtbewusstsein, Treue

Das Leben wurde als Mittel für den Dienst des Herrn gesehen, dessen Ideal auf Ehre gründete, und dementsprechend war die gesamte Erziehung und Ausbildung eines Samurai konzipiert.
Der Staat stand an erster Stelle und dann das Individuum. Dieses wird als Teil in den Staat hineingeboren. Daher muss das Individuum an erster Stelle für den Staat leben und sterben oder für dessen Inhaber der legitimen Autorität.
Für unsere individualistische Gesellschaft ist diese Einstellung sicher eine, die Fragen aufwirft, vielleicht auch mit Kopfschütteln beantwortet wird. Doch war die Perspektive der Menschen in feudalistischen Zeiten wie im mittelalterlichen Japan oder auch auf germanischem Gebiet eine andere. Hier war der einzelne Mensch im Vergleich nicht viel wert, weshalb diese Einstellung nicht wirklich verwunderlich ist, sondern eher der Norm angehörte.
Was vom Ehrenkodex verbleibt
Die Ursprünge der Samurai reichen bis auf die Heian-Zeit (794-1185) zurück, doch hatten sie ihre Blütezeit sicherlich in der Edo-Zeit (1603-1868), welche auch als längste Friedenszeit der japanischen Geschichte angesehen wird. Denken wir an das alte Japan, so sicherlich mit Assoziationen aus der modernen Popkultur. Man denke an kürzlich veröffentlichte (und zu empfehlende) Serien wie Shogun oder Blue Eye Samurai oder auch den Film The Last Samurai mit Tom Cruise. Sie alle spielen kurz vor oder in der Edo-Zeit, welche 1868 ihr Ende fand, als sich Japan dem Westen öffnete. Auch spielten moderne Schusswaffen eine Rolle, weshalb die Samurai an Einfluss verloren.
Nichts desto trotz sind auch noch in der heutigen japanischen Kultur Ideale verankert, welche auch in Bushido zu finden sind.
„Bushido war und ist, selbst unausgesprochen, immer noch der beflügelnde Geist, die Antriebskraft unseres Landes“, schreibt Nitobe Inazō.
Auch noch heute werden die sieben Tugenden von vielen Menschen als erstrebenswert betrachtet und auch sind ihre Ideale in anderen Glaubenssätzen oder Kulturen wiederzufinden. Man denke allein an die Maxime der Nächstenliebe.
Für viele, wie auch mich, üben die Samurai eine fast magnetische Anziehung aus. Die Ästhetik eines 大刀 Katanas (Samurai-Schwert), die mystische Wirkung der 桜 Sakura (Kirschblüte), die spirituelle Note einer 茶道 japanischen Teezeremonie und auch zu recht kritisch zu betrachtende Traditionen wie 切腹 Seppuku (auch unter 腹切り Harakiri bekannt), also die rituelle Selbsttötung sind faszinierend wie schockierend.
Möchte man sich also näher mit Bushido und „der Seele Japans“ beschäftigen, so sind hier noch einige Empfehlungen:
- Bushido (1899) – Nitobe Inazō
- Hagakure: Der Weg des Samurai (1716) – Yamamoto Tsunetomo
- Bekenntnisse einer Maske (1949) – Mishima Yukio
- Die Sieben Samurai (1954) oder Ran (1985) – Akira Kurosawa
- Shogun (2024) oder Blue Eye Samurai (2023) über den Streamingdienst Netflix

