Huxleys Utopia- Wie man leben und lieben könnte

Zu Teil 1

Wir betreten die Welt von Pala gemeinsam mit dem britischen Journalisten Will Farnaby, der nach einem Schiffsbruch auf der Insel strandet. Durch seine Augen – als Sinnbild des westlichen Denkens – wird uns die Gesellschaft Palas nähergebracht. Schon der erste Satz des ersten Kapitels vermittelt die zentrale Botschaft des Buches und damit die Essenz der palanesischen Philosophie.

„Gibt acht“

Diese Worte, wir werden sie im Laufe des Buches noch oft hören, stammen aus dem Schnabel eines Mynahs, ein sprechender Sperlingsvogel, der in Südasien beheimatet ist.

„Hier und Jetzt“

Vor langer Zeit wurden die Vögel der Insel darauf trainiert, diese Botschaft zu verkünden. Heute fliegen sie frei über Pala – ungebunden wie das elektrische Licht –, um Achtsamkeit zu verbreiten. Die Art und Weise, wie die Menschen hier ihr Leben gestalten, ist faszinierend und verdient eine genauere Betrachtung.

Lebensgestaltung

Aldous Huxleys Sicht auf das Leben wurde stark durch seine Experimente mit psychoaktiven Substanzen geprägt, die er 1954 in Pforten der Wahrnehmung beschrieb. Darin schildert er seine Meskalin-Erfahrungen, die er nicht als bloßes Rauschmittel oder Gefahr einstufte, sondern als Mittel zur Bewusstseinserweiterung – eine Möglichkeit, verlorene Erkenntnisse und Empfindungen wiederzuentdecken.

Auch in Pala spielt die sogenannte „Moskha-Medizin“ eine zentrale Rolle, die vermutlich mit dem Peyote-Kaktus und seinem Wirkstoff Meskalin vergleichbar ist. Moskha (Sanskrit für „Befreiung“) soll als transzendentale Erfahrung das Erwachsenwerden begleiten. In einem bestimmten Alter, ähnlich einer christlichen Konfirmation, muss jeder junge Palanese einen Berg erklimmen. Auf dessen Gipfel findet die buddhistische Zeremonie „Shivayanama“ statt, bei der gemeinsam gesungen, meditiert und die Welt aus einer neuen Perspektive erlebt wird.

Die Bergbesteigung, die die Vergänglichkeit des Lebens lehren soll, und die anschließende Zeremonie sind essenzielle Bestandteile der palanischen Lebensphilosophie.

An Allegory of Summer with Messengers of LoveHans Zatzka 1859 – 1945

Die Schicksalsbeeinflussung

Die Menschen auf Pala glauben an die „Schicksals-Beeinflussung“ – die Idee, dass eine positive Lebensweise ihr Schicksal mitgestalten kann. Sie sind sich bewusst, dass dies in erster Linie eine Programmierung des Unterbewusstseins ist, da sie auch über westliche Medizin Bescheid wissen. Dennoch erkennen sie, dass Willenskraft und Gesundheit durch positives Denken tatsächlich gestärkt werden können. Sie bewahren eine skeptische Haltung gegenüber dem Möglichen und dem Unmöglichen und begegnen den Übeln der Welt eher stoisch. Statt sich von negativen, nicht beeinflussbaren Ereignissen vereinnahmen zu lassen, konzentrieren sie sich auf das, was in ihrer Macht steht.

Eine weitere bemerkenswerte Eigenschaft Palas ist die Haltung zur körperlichen Arbeit. Intellektuelle und Denker betrachten sie nicht als minderwertig, wie es in der westlichen Welt oft der Fall ist. Sie verspüren kein Bedürfnis, den ganzen Tag sitzend zu verbringen, wenn sie ebenso gut bei der Ernte helfen oder Saatgut pflanzen können. Ihre einfache Begründung:

„Diesen Vormittag hatte ich etwas Zeit“

Sie sind sich bewusst, dass eine Balance zwischen Körper und Geist hergestellt werden muss. Keines der beiden Bereiche ist höherwertig, im Gegenteil sind sie gleichgestellt und müssen auch so behandelt werden. Hermann Hesse war beispielsweise leidenschaftlicher Unkraut-Pflücker, Friedrich Nietzsche begeisterter Wanderer und Albert Einstein Segler.

Das Yoga der Liebe

In Pala wird Maithuna, das Yoga der Liebe, praktiziert. Sexualität beschränkt sich hier nicht nur auf den Intimbereich, sondern umfasst den gesamten Organismus. Dieses Verständnis soll helfen, den Geist-Körper-Komplex in Einklang zu bringen und geistige Selbstliebe zu fördern. Durch die Unterweisung in verschiedenen Yoga-Praktiken – insbesondere dem Yoga der Liebe – wird Gewahrsein trainiert: die Fähigkeit, Dinge unverfälscht wahrzunehmen, frei von Projektionen und gesellschaftlichen Prägungen.

Sexualität und Begierden sind auf Pala weder ein Tabu noch ein Thema, „über das man nicht spricht“. Stattdessen lernen die Menschen frühzeitig einen bewussten Umgang damit. Obwohl viele Palanesen eine feste Partnerschaft wählen, ist Polygamie gesellschaftlich akzeptiert und natürlich. Zusätzlich gibt es eine monatliche, kostenlose Versorgung mit Verhütungsmitteln – ein Symbol für Selbstbestimmung und ein Mittel zur nachhaltigen Bevölkerungsregulierung.

Im Vergleich zur westlichen Welt ergeben sich interessante, scheinbar paradoxe Erkenntnisse. Trotz der allgegenwärtigen Hypersexualisierung durch soziale Medien, Werbung und Schönheitsideale existiert dort gleichzeitig eine tief verwurzelte Prüderie. Sexualität wird oft als Tabu, als Sittenlosigkeit oder gar als Sünde betrachtet und findet trotz ihrer medialen Dauerpräsenz selten einen vorurteilsfreien Raum.

Auf Pala ist es genau umgekehrt. Es gibt keine übertriebene Sexualisierung oder kommerzielle Ausbeutung von Begierden, sondern eine natürliche und selbstverständliche Integration in das Leben. Während in westlichen Gesellschaften oft Unterdrückung, Falschheit und Extreme gefördert werden, stehen die Palanesen für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – ganz im Sinne der französischen Ideale.

The Garlands of Love (1918)- Herbert Arnould Olivier

Erkenntnisse durch Offenheit

Die Lebensphilosophie Palas lässt sich wohl am besten mit „Offenheit für neue Erfahrungen“ beschreiben. Die westliche Lebensweise wird bewusst hinterfragt, und insbesondere in konservativen Kreisen verbreitete Vorurteile über Bewusstseinserweiterung und freie Liebe werden aufgelöst. Auf Pala gibt es weder moralische noch gesetzliche Einschränkungen, die die persönliche Erfahrungswelt begrenzen – im Gegenteil, Experimentieren wird gezielt gefördert. Die Palanesen haben erkannt, dass künstliche Grenzen für natürliche Verhaltensweisen oft zu Unzufriedenheit und einer eingeschränkten Lebensentfaltung führen können.

Wir sollten uns davor hüten, ein Monopol auf die Definition von Moral und Unmoral zu beanspruchen. Es gibt kein reines Schwarz oder Weiß, kein absolutes Richtig oder Falsch in moralischen Fragen – sondern viele Facetten eines bunten Farbkreises. Deshalb sollten Regeln stets mit Bedacht aufgestellt und immer wieder kritisch hinterfragt werden. Entscheidend ist nicht nur die ursprüngliche Intention hinter einer Norm, sondern auch, ob sie einen schützenden oder eher einschränkenden Charakter hat.

Eine solche Freiheit bringt große Verantwortung mit sich, doch die Palanesen werden zu kritischen, mündigen und selbstverantwortlichen Menschen erzogen, die eigenständig zwischen richtig und falsch unterscheiden können.

Der Einwand des Chaos durch Freiheit

Es kann, wie der Philosoph Thomas Hobbes es tat, eingewendet werden, dass der Mensch von Natur aus egoistisch und gewaltbereit ist. Daher sei ein starker Staat (der „Leviathan“) notwendig, um Chaos in der Gesellschaft zu verhindern. Jean-Jacques Rousseau würde dem entgegenhalten, dass der Mensch von Natur aus gut ist und erst durch gesellschaftliche Strukturen verdorben wird.

Huxley bietet auf Pala einen interessanten Ansatz, um sowohl Freiheit als auch Ordnung zu ermöglichen.

  1. Die Palanesen werden früh zur Selbstverantwortung erzogen. Sie lernen ihre Impulse zu erkennen und zu reflektieren, übernehmen Verantwortung für ihr Handeln und hinterfragen es kritisch.
  2. Durch soziale Mechanismen wie Gemeinschaft, Dialog und Ethik ist es nicht notwendig, auf harte Gesetze und Strafen zurückzugreifen.
  3. Durch bewusste Reflexion entfällt der äußere Druck (wie Gesetze oder Religion), um die Menschen zu „sittenhaftem“ Verhalten zu zwingen.

Oath of loveHans Zatzka 1859 – 1945

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