Aldous Huxley hat für seine Welt ein System entworfen, das sich am Kommunitarismus der frühzeitlichen Menschen orientiert und gleichzeitig moderne Errungenschaft wie bspw. das Bankwesen mit integriert. Da Pala eine von der Außenwelt weitestgehend abgeschottete Insel im Indischen Ozean ist, wurde sie von keiner Kolonialmacht überfallen und ist daher auch weder in Armut gefallen, noch wurde die Ideologie des Kapitalismus durchgesetzt. Stattdessen sind sie genossenschaftlich aufgebaut auf einem System von Fairness und Kooperation.
Der Aufbau einer Utopie
In Pala gibt es weder ein hierarchisches Denken noch den Drang, sich durch Besonderheiten bzw. Alleinstellungsmerkmal auszuzeichnen. Im Gegenteil fußt bereits die frühkindliche Bildung (dazu gerne Teil 2 lesen) auf dem Gedanken, dass Unterschiede positiv hervorzuheben sind. Die dort lebenden Menschen sind sich bewusst, dass sie nie gleich sein können, jedoch garantiert gleichwertig sind. Es gibt nicht nur die logisch-mathematische, sowie sprachliche Intelligenz, welche beim berühmten IQ-Test eine große Rolle spielt, sondern auch andere wie die emotionale oder musikalische. Ebenfalls spielen teure Autos, große Häuser oder moderne Technik für sie keine Rolle, da sie keinen Konsumzwang verspüren oder den Druck, sich durch materielle Dinge auszeichnen zu müssen.
Ein weiterer essenzieller Punkt ist wohl die (natürliche) Geburtenbeschränkung, sodass es zu keiner Überbevölkerung und deren Begleiterkrankungen wie Armut, Knappheit und vielem weiteren kommt. Will eine Gesellschaft gesund bleiben, so darf sie nicht mehr Menschen bevölkern lassen als möglich. Ist dies dennoch der Fall, kann der freiheitliche Appell zur Selbstbestimmung alleine nicht mehr ausreichen, sondern muss Kontrolle und Zwang für eine einigermaßen florierende Gesellschaft aufgebaut werden. Diverse Mechanismen sind bekannt, um eine zu groß gewordene Masse zu kontrollieren, doch sind sie alle nicht mehr mit der Natur des Menschen vereinbar, egal ob Manipulation, Indoktrination oder Zwang. Historische Beispiele dafür können wohl schnell gefunden werden.

Odilon Redon (1840-1916)
Was macht Pala anders?
Der Unterschied auf Pala ist, dass es Probleme auf der Wurzelebene angeht und keine bloße Symptombehandlung durchführt. Es wurde bspw. erkannt, dass Menschen aus bestimmten Gründen zu viele Kinder zeugen. Diese sind unter anderem die Notwendigkeit von Hilfskräften in der Familie, mangelnde Bildung und Aufklärung, gesellschaftliche Sitten (Notwendigkeit von männlichen Erben) und nicht genug vorhandene Verhütungsmittel. Sind all diese Probleme behoben, sinkt die Geburtenrate auf ein gesundes Maß von 1 bis 3 Kindern pro Familie.
Ebenfalls muss die Bedeutung der Arbeit betrachtet werden. Weder ist die menschliche Seele auf einem mit der zweiten industriellen Revolution beginnenden Fließband-Arbeitsmodell ausgelegt, noch auf der Arbeit zur bloßen Profitmaximierung. Der Mensch braucht Sinn und Bedeutung, sonst sucht er sich diese durch Konsumgüter. Daher gibt es in Pala ein sogenanntes Halbzeitsystem, das den Menschen die Möglichkeit gibt, von Beruf zu Beruf zu wechseln. So können sie je nach Bedürfnis unterschiedliche Erfahrungen sammeln und Abwechslung erleben. Ebenfalls gibt es durch den nicht vorhandenen Konsumdruck und fehlenden Fokus auf reinen Export an Notwendigkeit, mehr als nötig zu arbeiten. Sie konnten es arrangieren, einen gesunden Überschuss für den Export herzustellen, ohne darauf angewiesen zu sein.
Schutz vor Negativem
Des Weiteren gibt es in Pala keine Armee, was an ihrer geografischen Position und dem nicht vorhandenen Wunsch, sich vergrößern zu wollen, liegt. Es kann darüber diskutiert werden, wie realistisch dieser Aspekt ist, da die Geschichte des Menschen zeigt, dass stärkere Nationen gerne Schwächere einnehmen, doch es zeugt vom friedliebenden Geist der Palanesen.
Außerdem von Relevanz ist der gesetzliche Schutz vor Propaganda. Verschiedene Parteien und Interessengruppen bekommen auf Pala den gleichen Raum in der Zeitung, um ihre Position darzustellen. Ohne Diffamierung. So können die Leser selbst bestimmen, mit welchen Argumenten sie einverstanden sind und mit welchen nicht. Auch gibt es keine Boulevard-Presse, um den Menschen durch irrsinnige Themen vom Denken abzuhalten. Dazu kommt, dass sie schon im frühen Alter zu skeptischen und kritischen Menschen erzogen werden (im Vergleich zur Scheinskepsis des westlichen Bildungssystems). Sie lernen, jede Position und Aussage genaustens zu überprüfen und sich nicht durch rhetorische Tricks und charismatische Redner becircen zu lassen.

Gustave Moreau ( 1826-1898)
Ausblick und Schicksal Palas
Aldous Huxley beginnt sein Buch mit einem Zitat von Aristoteles:
„Wann immer wir uns ein Ideal formen, soll es ganz unserm Wunschbild entsprechen, doch hüten wir uns vor dem Unerfüllbaren“
So möchte er uns also bereits im Vorwort mit auf den Weg geben, dass eine Utopie, wie sie in Pala beschrieben wird, eben doch nur bedingt realisierbar ist (Dazu Teil 1). In seinem Roman erleben wir die letzten Tage dieser faszinierenden Welt, bevor sie tragischerweise ihr Ende findet. Als rohstoffreiches Land ohne Verteidigung kam der Zeitpunkt, als die Macht- und Profitinteressen der Nachbarländer überhandnahmen. Huxley geht zum Ende des Buchs also nicht von einer hoffnungsvollen Perspektive aus, sondern malt einen düsteren Blick in die Zukunft, welcher sich so, 60 Jahre später, mehr oder weniger bestätigt hat.
Dennoch kann Pala, unter anderem für mich, als erstrebenswertes Ideal gesehen werden. Eine Vision muss nicht unbedingt verwirklicht werden, manchmal reicht es bereits, sein Bestmögliches dafür zu versuchen, ganz nach dem Spruch „Der Weg ist das Ziel“.
Die Botschaft von Eiland
Wie so viele Dinge bleibt Pala am Ende unerreichbar in der Ferne, und doch kann die Botschaft in unseren Alltag adaptiert werden. Auch ist es uns möglich bewusster, ganz nach dem Motto der Mynah-Vögel zu leben und achtsam im Hier und Jetzt zu sein. Es ist möglich sich von diversen Fesseln, seien es Konsum oder Gier zu lösen, ohne gleich die ganze Welt auf den Kopf zu stellen, indem man im Kleinen, im Veränderbaren anfängt. Der Weg zu wahrhaftiger Freiheit führt über die Reflexion jedes von außen stammenden oder induzierten Gedankens.
Wie kam es zu unserer Einstellung zu Kameradschaft, Sexualität, Liebe, Respekt oder Familie? Welche Ideale bestimmen unser Leben und welchem Bias unterliegen wir? Sind unsere Vorurteile die unsrigen oder haben wir sie von unseren Eltern, der Schule oder Zeitung übernommen? Warum denken wir in Unterschieden, Hierarchien, in Kategorien wie Gut oder Böse, Besser oder Schlechter und was hält uns wirklich davor ab, alle Menschen als gleichwertig (nicht gleich) zu sehen, Unterschiede positiv hervorzuheben und Gemeinsamkeit schätzen zu lernen?
Inspiration durch Literatur
Ein literarisches Werk von solchem Reichtum, wie es Aldous Huxleys Eiland, wie aber auch Schöne neue Welt, Orwells 1984 oder Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray ist, lädt uns immer zur Reflexion, zum Nachdenken ein. Es liegt an uns, ob wir uns darauf einlassen und die Chance angehen, unser Weltbild zu verändern und damit unsere Betrachtung über das Leben. Bleiben wir in den alten, in den seltensten Fällen tatsächlich eigenen Verhaltensmustern oder brechen wir sie auf, um etwas Neues, etwas womöglich Besseres zu schaffen?

