Vom Spiel und dem kreativen Potenzial des Fehlers

Es ist ein großer Vorteil im Leben, die Fehler, aus denen man lernen kann, möglichst früh zu begehen.

Winston Churchill

Die Thematik rund um das Spiel, den Fehler und vielleicht im elementaren Kern die Abweichung des linearen, bereits vorgegebenen Weges ist äußerst, komplex, vielfältig und faszinierend.

Denn ein Fehler, ist tatsächlich etwas so Komplexes, dass es nicht reicht, eine einzige Definition heranzuziehen. Auch variiert die Konnotation dieses Begriffes je nach Perspektive und Szenario, sodass auf dem Spektrum zwischen „Gut“ und „Böse“ wohl jede Schattierung einmal ihre Berechtigung findet. Auch das Reich des Spiels, dieser mysteriöse, so abstrakt wie selbstverständliche Raum, verdient eine gewisse Ehrfurcht. Kaum ist es möglich, den Facettenreichtum dessen in nur einem einzigen Lexikoneintrag unterzubringen, im Gegenteil kann darüber diskutiert werden, ob wir überhaupt fähig sind, ihn in Worten zu beschreiben, da Worte immer eingrenzen, immer limitieren. Vielmehr ist es wohl die Tat selbst, das Gefühl, sich in einer Zwischenwelt zwischen Traum und Realität, Emotion und Rationalität zu befinden, welches dem Begriff „Spiel“ noch am nächsten kommt.

Daher möchte ich in meinem demütigen Versuch, diesen Phänomenen in ihrer Gänze näherzukommen, weniger eine Grenze im Sinne einer klaren Einordnung oder Definition setzen und vielmehr das Gefühl der Schwerelosigkeit, wie wir es auch im spielerischen Tätigwerden kennen, durch ein Staunen, einen neugierigen, aber auch besorgten Blick auf die Schönheit des Sich-Vergessens wagen. Denn so, wie mit dem Spiel eine grenzenlose Vitalität vorhanden ist und sich mit dem Fehler als Antrieb eine Welt der Freiheit auftut, so bedroht ist sie auch durch Gefahren der heutigen Zeit, welche durchaus zu Besorgnis anregen können. Auch das möchte ich in meine Gedanken einbinden.

Der Fehler als Ausbruch aus dem Bekannten

Blind woman in the field (1889)
Bruno Piglhein (1848-1894)

Würden wir nie einen Fehler begehen, nie auch nur einmal aus dem bereits Bekannten ausbrechen, so wäre unser Leben wie ein Kreisverkehr ohne Abfahrt, stets dieselbe Straße ohne auch nur einmal etwas Neues zu sehen. Doch ist es uns möglich auf der Stelle stehen oder wäre dieses Immergleiche nicht bereits einer Stagnation ähnlich, ein langsames Sich-verlieren, das als Höchstes der Gefühle noch Tristesse oder einen merkwürdigen Anflug einer verschwommenen Nostalgie auslösen würde? Durch den Fehler jedoch wird uns eine Ausfahrt gegeben, er dient also als eine Art Feile, welche die stets über uns schwebenden Gitterstäbe zu entfernen und Neues zu offenbaren weiß.

Trotz der rettenden Funktion des Fehlers wird er allerdings meist negativ konnotiert und tatsächlich gibt es Szenarien, in denen ein Fehler nicht zu einem Ausweg, sondern zu einer Verschlechterung der bereits gegebenen Umstände führen kann. Auch muss beachtet werden, dass das, was wir als Fehler bezeichnen, immer auch eine zeitliche Frage ist. Nicht nur legt der aktuell dominierende Zeitgeist der Welt seine ganz eigene Moral auf, auch zeichnet sich oftmals noch nicht ab, wie die Zukunft aussehen wird. Beziehen wir eine Meinung oder glauben wir etwas zu wissen, so ist dies immer mit Vorsicht zu genießen, denn so wie die Menschen im antiken Rom noch nichts vom heliozentrischen Weltbild wussten, so ist es auch gut möglich, dass zukünftige Zivilisation uns Menschen des 21. Jahrhundert als irrend betrachten könnten. Wahrheit und damit der Gedanke, was einem Fehler gleichkommt, muss daher immer mit Vorsicht betrachtet werden. Dennoch sollten wir nicht davor zurückschrecken, uns auf dem unsicheren Pfad der Vermutung zu bewegen, einzig ein wenig Demut könnte wohl nicht schaden.

Die Beziehung des Menschen zu Spiel und Fehler

Boys Playing On The Shore (1884)
Albert Edelfelt (1854 – 1905)

Der Mensch lernt im Prozess des Sozialisierens, zuerst mit Sorge und dann mit Hoffnung auf ein Szenario zu blicken, daher überwiegt der Wunsch einer Vermeidung des Fehlers, anstatt ihn bewusst zu suchen. Glücklicherweise hat die Natur den Spieldrang geschaffen. Denn im Spiel entsteht eine sichere Barriere, in welcher der Fehler gleichzeitig Sicherheit wie Ermutigung erfährt.

Betrachten wir den Weg, den der Mensch über verschiedene Etappen im Laufe seiner Existenz gemacht hat, vom Nomadentum, der Sesshaftwerdung, unterschiedliche Regierungsformen bis hin zur heutigen Zeit, so sehen wir, dass das Spiel gleichzeitig unverändert ist, sich aber auch in gewissen Aspekten änderte. Das freie Spiel als natürlichste Form kann weiterhin bei Kindern, wie auch bei anderen Lebewesen wie Hunden oder Katzen im frühen Stadium ihres Lebens beobachtet werden, doch integriert der Mensch Regeln in sein Spiel und hat so eine Vielfalt an Spielformen erschaffen, welche zwar auf dem freien, bedingungslosen Spiel aufbauen, doch häufig nur noch wenig damit zu tun haben.

Die Bedeutung von Regeln

Durch das Hinzufügen von Regeln und fiktiven Grenzen bekommt auch der Fehler eine neue Bedeutung. Wo im freien Spiel ein Fehler noch ohne direkter Konnotation versehen ist und neue Erkenntnisse daraus gewonnen werden, ist er beim regelbasierten Spiel ein Hindernis und in der Regel wenig bis überhaupt nicht akzeptiert. Im Schach ist es beispielsweise wichtig, sich an die Regeln zu halten, sonst würde das Spielprinzip nicht funktionieren. Dort dürfen zwar Fehler gemacht werden, doch müssen sie im Einklang mit den Regeln stehen, sind daher also von einer geringeren Freiheit.

Neues kann dort nur in Verbindung mit den Regeln entstehen, die je nach Spiel mehr oder weniger komplex sind. Während Schach oder Go also vergleichsweise viele Abweichungen vom Idealweg zulassen, ist das Entfaltungspotenzial bei Uno oder Mensch-ärgere-dich-nicht sehr begrenzt. Diese fiktiven Grenzen, egal ob in Spielen, im gesellschaftlichen Moralkodex oder in den von Jean-Jacques Rousseau so verdammten Landesgrenzen limitieren das Entfaltungspotenzial, doch bieten wiederum Möglichkeiten, in diesem begrenzten Rahmen aufzugehen, diese also zu perfektionieren.

After school (children in the rain)
Hugo Kauffmann (German, 1844 – 1915)

Die Grenzen des modernen Spiels

Allerdings muss sich gefragt werden, wie stark dem Spiel mittlerweile Grenzen aufgesetzt werden. Ist es Kindern weiterhin möglich, durch das Spiel zu gänzlich neuen Erkenntnissen zu kommen, ist es also erlaubt Fehler zu machen oder geschehen neue Entdeckungen immer in einem bereits vorhergesehenen Rahmen? Leben wir in einem Zeitalter des Spielens oder des Gespielt-Werdens? Es scheint, dass Spielen immer mehr mit einer Intention verknüpft ist. Es soll entweder Sprache, logisches oder räumliches Denken oder soziale Fähigkeiten trainieren, doch geht dabei die Freiheit des Spielens zu einem gewissen Maße verloren. So wird es zielgerichtet, obwohl der Fokus auf dem Tätigwerden liegen sollte.

Die Verknüpfung an eine Intention lässt auch hier wieder die Frage aufkommen, inwieweit so Grenzen entstehen, sodass der Lernerfolg nie über diesen aufgesetzten Horizont hinauswachsen kann. Der Mensch jedoch braucht die Freiheit scheitern zu dürfen. Hätte er diese Freiheit nicht, so wären auch zahlreiche Innovationen nicht entstanden, man denke z.B. an Penicillin (A. Fleming ließ versehentlich eine Petrischale mit Bakterien offen stehen und bemerkte später, dass sich um einen Schimmelpilz herum keine Bakterien mehr befanden, so wurde das erste Antibiotikum entdeckt).

Entwicklung des Spiels

Das Spiel hat im Lauf der Geschichte viele Wandlungen erfahren. Während noch vor wenigen Jahrzehnten das freie, selbstbestimmte Spielen dominierte, lässt sich heute eine zunehmende Institutionalisierung und Strukturierung des Spiels beobachten. Von der unmittelbaren Umwelt wurde der Ort des Spiels auf Spielplätze, Spielmobile oder Kindertagesstätten verlagert. Auch vollzieht sich ein Großteil des Spielens nicht mehr im analogen, sondern digitalen Raum. Während durch das Spielen in der echten Welt, alleine oder in einem sozialen Raum unter anderem Sensomotorik, räumliches Denken und emotionale Intelligenz entwickeln kann, wird über technische Geräte nur ein Bruchteil davon erlernt bzw. nur an der Oberfläche. Dies hat zur Folge, dass diese elementaren Bereiche nicht mehr ausreichend entwickelt werden und die Welt stattdessen von einer von einem Bildschirm beeinflussten Perspektive wahrgenommen wird.

Ein Stichwort ist hier auch Gamification, wo Spielmechaniken in alltägliche Handlungen implementiert werden. Hierbei wird vor allem das Belohnungszentrum aktiviert, welches Dopamin und andere Botenstoffe ausschüttet als Reaktion auf virtuelle Errungenschaften, Levelpunkte und Likes. Die Intention des Spielens oder auch Lernens wird so verlagert. Wo zuvor noch keine wirkliche Absicht vorhanden und Neugierde die größte Antriebskraft war, findet sich nun die Absicht, möglichst viele gamifizierte Mechanismen zu triggern, um die größte Rendite an Belohnungen und damit Glücksgefühlen zu sichern.

Circe Offering the Cup to Odysseus (1891)
John William Waterhouse ( 1849 – 1917)

Wie wirkt sich das auf den Menschen aus?

Was geschieht also, wenn die Selbstverständlichkeit verloren geht und immer nach einer Rechtfertigung gesucht werden muss? Wie kann es noch Platz für Fehler geben, wenn gamifizierte Mechanismen immer vorgeben, was getan werden muss? Schiller sagt, dass der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt, doch könnte nicht auch gesagt werden, dass er nur da ganz Mensch ist, wo er Fehler macht, wo Fehler also möglich sind?

Fehler werden meist negativ konnotiert und tatsächlich strebt der Mensch nach Makellosigkeit, wie es sich in historischen oder aktuellen Schönheitsidealen oder in utopischen Städteplänen beobachten lässt, doch liegt es in der Natur des Menschen, dass Fehler nicht zu vermeiden sind.

Wir können danach streben, alles uniform zu gestalten, reine Haut, perfekte Symmetrie, starke Kontraste und ideale genetische Voraussetzungen, und doch wäre es mehr einem Verlust gleich als einer Besserung. Betrachten wir den Trend zum Minimalismus, den Brutalismus der 50er Jahre oder moderne Hochhauskonstruktionen in Singapur oder China, so erkennen wir vielleicht Effizienz und Logik, doch keine Schönheit und Ästhetik. Wie Schiller jedoch nur zuzustimmen ist, bleibt Schönheit ein Vermittler zwischen Vernunft und Sinnlichkeit, eine Voraussetzung für Harmonie und Freiheit. Es ist nicht ausschließlich eine Frage des Geschmacks, sondern ein wesentlicher Bestandteil, um eine gerechte Gesellschaft zu ermöglichen.

Schönheit kann nicht ausschließlich in antiken, scheinbar perfekten Marmorstatuen gefunden werden, denn auch der Makel besitzt eine Ästhetik, die anziehend auf die menschliche Natur wirkt. Man denke an die markanten Augenbrauen Frida Kahlos, das Muttermal der Marilyn Monroe, den Schiefen Turm von Pisa oder den Gesang Bob Dylans. Bei diesen Beispielen entsteht ein Bruch mit der Norm, mit der Erwartung des Menschen. Durch die Imperfektion addiert sich ein Element des Geheimnisvollen.

Es scheint, als wäre die Bedeutung des Fehlers für die Entstehung des Neuen etwas nicht ausschließlich theoretisch zu Erfassendes, sondern tief in unserer Natur verankert. Trotz der gesellschaftlich propagierten Oberflächlichkeit streben wir nach dem Fehler, denn nur durch ihn erkennen wir den Funken, welcher uns in neue Sphären versetzt, nur durch ihn ist es uns möglich zu wahrlich Neuem zu gelangen.

Lasst uns also Fehler begehen.

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