Der unsichtbare Lehrplan der Schule

Was ist Schule

Dieser Beitrag ist an alle gerichtet, die ähnliche Erfahrungen wie ich in der Schule gemacht haben oder Ähnliches derzeit bei ihren Kindern beobachten. Denn Schule ist kein Ort, zu dem man gerne zurückblickt. Vielleicht vermisst man enge Freunde, manch begeisternden Lehrer oder Späße, die man auf zum Schulhof getrieben hat, doch Schule? Die vermisst man nicht. Sei es der traumatisierende Schulgong, der das Ende der Pause einleitete, das kalte Geräusch der Tafel, ja der Kreide, die durch strenge Hand geführt seelische Narben hinterließ oder eben der keifende Lehrer im Schulflur, der mit ernster Miene das Rennen und Spaßhaben auf den Gängen verbot. 

Nein, die Schule vermissen wir nicht. Nur unsere Leidensbrüder und Schwestern. Die wenigen Momente des Ausbruchs, das befreiende Gefühl des aus dem Klassenzimmer stürmen, lachend und schnell rennend dem Weg zur Freiheit näher, wenigstens für einen Tag.

Darüber soll es hier gehen. Warum ist das so? Weshalbblicken wir so ungern zurück auf eine eigentlich so schöne Zeit unseres Lebens? Wie kann es sein, dass wir quasi nichts mehr aus 12-Jahren Unterricht wissen? Stichwort Mitternachtsformel, binomische Formeln, Stilmittel, Versfüße wie Jambus und Trochäus oder eben der Aufbau des Zellkerns einer Gelbbauchunke. 

Warum ist die Schule, wie sie ist? Weshalb ist Schule kein Ort der Bildung, kein Ort des Lernens, sondern das Gegenteil? Diesen Fragen gehe ich in diesem Text auf den Grund, begleitet von einiger empfehlenswerter Literatur. An allererste Linie der von John Taylor Gatto, einem amerikanischen Lehrer, der mit den Büchern „Dumbing uns Down“ und „Weapons of Mass Instruction“ das aussprach, was so viele denken. 

Bildung ist das, was übrigbleibt, wenn wir vergessen, was wir gelernt haben.

„Bildung ist das, was übrigbleibt, wenn wir vergessen, was wir gelernt haben“

Edward Frederick Lindley Wood

Die sieben Lektionen

1.Verwirrung

Das, was wir im Unterricht lernen, spielt häufig weder im persönlichen noch beruflichen Leben eine große Rolle. An erster Linie wird in der Schule Beziehungslosigkeit unterrichtet.

Morgens Mathematik, Flächenberechnung, danach Deutsch, eine Gedichtanalyse, darauf folgt Biologie, das Auge eines Fisches wird seziert. Wo ist der Zusammenhang? Es wird viel unterrichtet, doch wie kann das Ganze miteinander verbunden werden? Warum das alles an einem Tag, in so kurzen Abschnitten? Wie wollen wir so etwas lernen, das in Erinnerung haftet?

Die natürliche Ordnung der Welt und Abfolge wird dauerhaft verletzt, wenn wir unseren Lehrplan anwenden. Alles wird auseinandergenommen, nichts zusammengesetzt. „Was bringt uns das? „Fragen wir den Lehrer, der es auch nicht beantworten kann und das Stottern anfängt. „Kommt in der Klassenarbeit dran, musst du lernen, baut auf weiteren Dingen auf“ kommt so abgehackt aus seinem Mund geflüstert.

So wird also Verwirrung gelehrt.

Schüler, akzeptiere dein Schicksal! Hinterfrage nicht!

2. Gesellschaftliche Schichtung

Die zweite Lektion ist die unentrinnbare Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht. Die Schule entscheidet das Bildungsniveau, entscheidet (zumindest immer noch häufig) auf welche weiterführende Schule gegangen wird. Bei wohlhabenden Eltern ist das Gymnasium meist die einzige Wahl, bei Handwerkereltern der Mittel- oder Unterschicht die Real, Haupt- oder Gesamtschule. Den „Unteren“ wird beigebracht, das höhere Lernniveau zu beneiden und diesem mit Ehrfurcht zu begegnen („Er hat studiert, er wird es wissen“). Dies zeigt sich in Gehalt, sozialer Position und Anerkennung. Dadurch steigt die Abneigung gegen „Gelehrte“ und „Intellektuelle“. Den „Oberen“ wird beigebracht, auf das unter ihnen liegende Niveau mit Verachtung herabzublicken („Nur ein Handwerker, geh zurück und richte mir mein Waschbecken“). Diese erkennen sozial unter ihnen liegende Schichten als dumm, ungebildet und faul an.

In der Schule wird dir gezeigt, wo dein Platz ist.  Ein kleiner Ausweg ist das Notensystem. Wer es nicht beherrscht, muss eben bleiben, wo er hingesetzt wird.

3. Gleichgültigkeit

Die dritte Lektion ist es, Kindern zu lehren, sich nicht allzu sehr für etwas zu begeistern. Es ist wie oben beschrieben. Teilweise haben sie 4 Fächer am Tag, im 2-Stunden-Intervall. Kindern müssen wie Lichtschalter an- und ausgeschaltet werden lassen. Von Mathematik geht es weiter zu Sport, weiter zu Musik bis zur Erdkunde. Wie ein Automat gehen sie durch die leeren Schulgänge. Von einer Arbeitsstation zur anderen. Pausenglocken zerstören die Vergangenheit sowie Zukunft. Pausenglocken infizieren jedes Vorhaben mit Gleichgültigkeit.

Du bist gerade dabei, ein Gedicht über die rötlich gelben Blätter des Herbstes zu schreiben, wofür du brennst, nur um durch den Pausengong diesen Flow-Moment wieder unterbrechen zu müssen. So entwickelst du Gleichgültigkeit für das, was dich begeistern könnte. Begeistern würde.

4. Emotionale Abhängigkeit

Fleißbienchen und Smileys für gemachte Hausaufgaben, eine rote Ampel beschreibt den Lärmpegel, ein Stern ins Hausaufgabenheft für Zusatzaufgaben und Strafen für zu laute Kinder, für nicht gemachte Hausaufgaben, für schlechte Mitarbeit. 

So werden die Kinder einer Befehlskette unterworfen, der sie nicht zugestimmt haben. Rechte gibt es kaum, die Autorität des Lehrers entscheidet im Affekt; hinterfragt werden darf sie auf keinen Fall. Sei nett und schmeichle mir, dann bekommst du eine bessere Note. Sei laut und nervend oder ich mache den Unterricht zu deinem schlimmsten Albtraum.

„Lieber Nico, ich habe es jetzt schon tausendmal gesagt, aber du hörst einfach nicht zu. Immer dieser Quatsch, lass doch mal dein Mäppchen in Ruhe und konzentriere dich. Du lenkst den Tim neben dir doch ganz ab. Ab morgen setzte ich dich um, dann lernst du vielleicht mal aufzupassen“, sagt die Lehrerin mit vorgespielter Enttäuschung zu dem Kind in der dritten Reihe vor der ganzen Klasse. Lachen ist darauf zu hören. Nico fliegt ein feuchtes Papierbällchen in den Nacken. Sein Nebensitzer neckt ihn mit einem Haargummi.

„Pass besser auf Nico, sonst wirst du für heute rausgesetzt“, verleiht die Lehrerin ihrer Ansage damit zusätzliche Wirkkraft.

Individualität steht im Widerspruch zur Klassentheorie in unseren Schulen. Individualität wird bestraft, „korrigiert“. So werden die Kinder konditioniert, sich von fremder Gunst abhängig machen zu lassen.

5. Intellektuelle Abhängigkeit

Gute Schüler warten darauf, dass der Lehrer ihnen sagt, was sie tun sollen. Schlechte Schüler hören auf ihren eigenen Kopf. Dies ist die essenzielle Botschaft der Schule. Um unserem Leben einen Sinn zu geben, müssen wir auf Menschen warten, die besser ausgebildet sind als wir. Die Experten treffen alle wichtigen Entscheidungen.

Dies ist der Fall in der Schule mit dem Lehrer. Es setzt sich jedoch in unserem alltäglichen Leben fort. Die Werbung sagt uns, was wir wollen. Die „Experten“, wie wir es bekommen, die Ärzte, was wir müssen und die Politiker, was wir dürfen. Anstatt selbst zu handeln und kritisches Denken zu entwickeln, lassen wir uns durchs Leben tragen. Die Botschaft der Schule lautet „Andere wissen es besser. Höre auf die Anderen“. So bleiben wir abhängig und entwickeln uns nicht zu einer vollständig mündigen Person.

Erfolgreiche Schüler übernehmen das Denken, das ihnen vorgeben wird, mit einem Minimum an Widerstand und nur dezenten Anzeichen von Begeisterung. Neugier hat keinen Platz in der Schule. Brave Menschen warten auf einen Experten, der ihnen sagt, was sie zu tun haben.

Was würde aus unserer Werbung, unserer Medizin, Politik und allgemein unserer Gesellschaft werden, wenn nicht Jahr für Jahr ein garantierter Nachschub hilfloser Menschen aus den Schulen strömen würde? Damit wir es nicht herausfinden, sind die Schulen da.

Konformität gegen Neugierde und individuelles intrinsisches Interesse.

6. Labiles Selbstbewusstsein.

Die Selbstachtung der Kinder soll auf einem moderaten Level bleiben. Selbstbewusstsein stört dabei. Behindert. So sind Werkzeuge wie Zeugnisse unter anderem dafür da, um genau auf die Kommanote bestimmen zu können, wie unzufrieden die Eltern mit ihrem Kind sein können. Unsere Zukunft basiert auf dem zufälligen Urteil von Fremden. Selbsteinschätzung wird nicht in Betracht gezogen. Behindert.

Dem Menschen muss gesagt sein, was er wert ist. Nur so lässt er sich kontrollieren. Selbstachtung stört dabei.

7. Man kann sich nicht verstecken.

Die siebte und letzte Lektion ist, dass man sich nicht verstecken kann. Schüler stehen unter ständiger Beobachtung und bekommen keine Zeit für Privatsphäre. Die Pausenzeiten sind auf ein Minimum beschränkt, mit wachsamer Pausenaufsicht, die kontrolliert. Petzen ist erwünscht und wird gefördert und selbst der Gang auf die Toilette hängt von der Willkür des Lehrers ab, der die Zeit deines Wegbleibens genaustens im Blick hält und bestenfalls dazu noch einen öffentlichen Kommentar abgibt.

Stephanie, 14 Jahre alt und von Natur aus eher ruhig und zurückgezogen, kommt nach mehr als 5 Minuten von der Toilette zurück.

„Wo hast du denn so lange gesteckt, bist du ins Klo gefallen oder was? Mal wieder ein kleiner Plausch mit deinem Klonachbarn?“, spottet der Lehrer sichtlich amüsiert, mit einem fiesen Grinsen um die Lippen. Stephanie sieht errötet auf den Boden und würde am liebsten gerne in diesen versinken. Vor Peinlichkeit zittert sie sich an ihren Platz. Die Mädchen der letzten Reihe kichern höhnisch.

Die Hausaufgaben erweitern die Schule, denn nicht einmal Zuhause sind wir davon befreit. So rufen die Arbeitsblätter nach geometrischen Formeln und Rechte-Winkel-Berechnung, der Rücken klagt über den wackersteinschweren Schulranzen und das vollständige Abschalten vom Unterricht gelingt nie so ganz.

Ausblick

Und so leben wir in einem Land, in dem Schulpflicht besteht. Ein Land, in dem die Kinder gezwungen sind, sich tagtäglich von der Schule beeinflussen zu lassen. Es gibt Ausnahmen von der Regel. Menschen, die durch eine herausstechende Fähigkeit, sei es logisches Denken, Kreativität, Herzlichkeit oder nicht zu bändigende Wissbegierde und Neugier, sich aus diesen Fesseln befreien konnten. Menschen, die durch hohe Resilienz diesen Manipulationen widerstehen konnten. Manche haben diese Eigenschaft von Natur aus, manche hatten tolle Eltern, einen Mentor oder eine andere Person, zu der sie aufsehen konnten.

Ebenfalls soll gesagt sein, dass keinesfalls nur die Schüler Opfer dieses Systems sind. Viele Lehrer sind ebenfalls diesen Regeln und Barrieren ausgeliefert und können so nicht wirken, wie sie es gerne tun würden. Pädagogik spielt nur eine kleine Rolle im Studium eines Lehramtes. Wichtiger sind die Lehrinhalte, Regeln und Methoden.

Die Schule spielt eine signifikante Rolle in der Frage, weshalb Menschen sich lenken lassen, unglücklich in ihrem Beruf und Leben sind, andere verurteilen, die Lust zum Lernen verlieren und so in unserer Welt zerbrechen.

Doch es gibt Möglichkeiten, um aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Jedes Problem birgt ebenfalls Chancen. Diese gilt es zu entdecken und anzugehen, weshalb Hoffnungslosigkeit der falsche Weg ist, um damit umzugehen. Eltern, die ihre Kinder schützen wollen, Menschen, die immer noch an den Nachwehen der Schule leiden und irgendwie unzufrieden sind, Lehrer, die an ihren Möglichkeiten im Lehren zweifeln. Die Erkenntnis des Problems ist der erste Schritt in die richtige Richtung. Alles, was darauf folgt, kann nur von selbst geschehen. Andere mögen den Weg leiten und mit hellem Licht vorangehen, doch laufen muss man selbst.

Daher gilt es, den bei vielen erloschenen Durst nach Bildung, die Lust an der Neugierde wieder zum Leben zu erwecken. Danach können wir streben und vielleicht ändert es etwas. Persönlich, im nahen Bekanntenkreis oder gesellschaftlich. Die Zukunft wird von unseren Taten in der Gegenwart entschieden. Lasst uns also Taten vollbringen, die uns erfüllen und dem Geist des Lebens neuen Elan gibt. Schule kann uns bremsen, aber nie vollends stoppen, wenn der Durst zur Freiheit bestehen bleibt.

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