Im Verlauf der letzten Jahrzehnte wurden viele Errungenschaften geleistet, die eine Annäherung an eine wirkliche Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern ermöglichen. Frauen dürfen heute, im Vergleich zum Stand vor einem Jahrhundert, frei ihre Arbeit wählen, sich scheiden lassen, Eigentum haben, Universitäten besuchen, wählen und vieles mehr. Auch Rechte für LGBTQ-Angehörige sind nicht mehr aus unserer Gesellschaft wegzudenken, genauso wie dunkelhäutige oder anderweitig durch Diskriminierung bedrohte Gruppen heute weniger Ausgrenzungen und Anfeindungen ertragen müssen. Für all dies und mehr sollte weiterhin gekämpft werden, doch darf die aktuelle sehr politisch- emotionale Meinungslandschaft eine wichtige Thematik unserer aktuellen Zeit nicht vergessen. Die Krise der Jungen und Männer.
In diesem Text möchte ich anhand des sehr zu empfehlenden Buches „Von Jungen und Männern“ des Autors Richard V. Reeves und meiner eigenen Gedanken aufzeigen, weshalb wir die Krise der Jungen und Männer nicht vernachlässigen sollten.
Disclaimer: Viele der von mir genannten Zahlen sind auf die USA bezogen. Dennoch kann die Botschaft auch auf deutsche Verhältnisse übertragen werden.
Um wen geht es überhaupt?
Auf den ersten Blick kann man sich sicherlich fragen, welche Krise der moderne Mann denn haben soll. Werden Männer nicht weiterhin besser bezahlt? Haben sie nicht immer noch deutlich mehr Chancen und Möglichkeiten als Frauen?
Nun trifft es zu, dass von allen CEOs der Fortune 500 Unternehmen (umsatzstärkste Firmen der USA) nur 41 Frauen sind und der Frauenanteil im Bundestag nur 35 % beträgt, doch von diesen Männern will ich nicht sprechen.
In diesem Beitrag geht es um die Jungen und Männer, welche in Armut aufwachsen, vaterlos groß werden, täglich Rassismus aufgrund ihrer Hautfarbe und Ethnie und anderen Faktoren ausgesetzt sind, durch welche sie benachteiligt werden.
Das Problem der Bildung
Unser Schulsystem favorisiert Frauen. Wie kommt das?
Das Gehirn von Jungen und Mädchen entwickelt sich in unterschiedlicher Geschwindigkeit. Das Kleinhirn erreicht bspw. seine volle Größe bei Mädchen mit 11, bei Jungen mit 15 Jahren. Hier entsteht ein Unterschied zwischen biologischem Alter und Reife, welchen das männliche Gehirn bis in die frühen Zwanziger versucht aufzuholen. Wahrscheinlich kann jeder, der einmal mit 16-jährigen Mädchen und Jungen zu tun hatte, bestätigen, wie groß der Reifegrad doch ist.
Dieser Entwicklungsunterschied macht sich bemerkbar in der schulischen Leistung. Während es in Deutschland recht ausgeglichen ist, schneiden Frauen in allen anderen Industrienationen deutlich besser ab, so sind 57 % aller Bachelor-Absolventen in den USA weiblich, in Norwegen sogar 63 %.
Auch ist die Durchfallquote bei Männern höher. Zur langsameren kognitiven Entwicklung kommt das Testosteron hinzu, welches viele Jungen aggressiv, ungeduldig, unkonzentriert oder rebellisch werden lässt, während Mädchen trotz ebenfalls vieler Probleme kompatibler mit dem Schulsystem sind. Trotz unterschiedlicher Entwicklungsgeschwindigkeit wird jedoch von Jungend wie Mädchen die gleiche Leistung erwartet.
Wie ich auch in anderen Feldern beleuchten werde, ist die Intersektionalität (Überschneidung und Gleichzeitigkeit verschiedener Formen der Diskriminierung) ein weiterer Faktor, welcher Jungen benachteiligt. Faktisch haben aus ungebildeten, ärmlichen Elternhäusern stammende Jungen mit Migrationshintergrund den schwersten Stand von allen.
Arbeit
Männer im oberen Lohnsektor verdienen mehr als Frauen, doch auch die Arbeitslosigkeit ist bei Männern höher. Das liegt auch daran, dass Männer schon heute ein größeres Opfer der Automatisierung durch Maschinen und künstliche Intelligenz auf dem Arbeitsmarkt sind, da sie häufiger in körperlichen Arbeitsfeldern tätig sind. Produktion, Transport, Konstruktion und Ähnliches.
Allein diese Bereiche werden von über 70 % von Männern abgedeckt, doch wohin, wenn sie nicht mehr benötigt werden? Die Jobs der Zukunft erwarten eine hohe emotionale Intelligenz und sind weniger auf Logik angewiesen, da dies größtenteils von Maschinen erledigt werden wird. Dort sind Männer weniger bewandert (das kann wohl jeder bestätigen).
In den letzten Jahrzehnten wurden viele Frauen in STEM-Berufe (Naturwissenschaften, Technologie) integriert, doch signifikant weniger Männer in HEAL-Berufen (Gesundheit, Bildung, Soziales). Man braucht nur in Grundschulen oder Kindergärten zu blicken, um zu sehen, wie dringend dort Männer benötigt werden.
Rolle des Vaters
Was ist die Rolle eines Vaters?
Für mehr als 1000 Jahre konnte ein Mann seine Rolle sehr leicht mit vier Worten zusammenfassen.
„Für meine Familie sorgen“
Die traditionelle Familienkonstellation aus Mutter, Vater, Kind hatte den Vorteil einer klaren Rollenverteilung. Während Mütter eine direkte, primäre pflegend- erziehende Beziehung mit dem Kind eingingen, war es bei Vätern meist eine sekundäre versorgende Verbindung. Natürlich ist da stark zusammengefasst und Väter wie Mütter haben sich bestimmte Aufgaben aufgeteilt, doch war die primäre Rolle des Vaters die des „Brötchenverdieners“.
Heirat
Für Jahrhunderte waren Frauen auf das Heiraten angewiesen, da sie selbst nicht für sich und ihr Kind sorgen konnten bzw. durften. Das Sinken der Heiratsquote in den letzten Jahren hängt direkt mit der steigenden Erwerbstätigkeit zusammen. Mehr Frauen arbeiten Vollzeit und in vielen Familien verdienen Frauen mittlerweile mehr Geld. In den USA führten 1977 26 % aller Schwangerschaften von Frauen mit einem unteren Bildungslevel zur Hochzeit vor der Geburt. 2007 waren es nur noch 2 %. Das ist ein Grund zur Freude, lässt jedoch viele Väter orientierungslos zurück, da unser traditionelles Familienbild ihnen eine Rolle gab, welche sie einnehmen konnten. Mit Blick auf alternative Familienkonstellationen, bspw. in Stämmen auf Papua-Neuguinea, kann man von der klassischen Vater-Mutter-Kind-Familie sicher von einem Mythos sprechen, doch war es ein nützlicher, dessen Verlust nun aufgefangen werden muss und orientierungslose Väter / Männer zurücklässt.
Rassismus
Ich habe bereits von der Intersektionalität gesprochen, also der Überschneidung zweier Diskriminierungsformen. In Bezug auf Männer kann man hier von einem umgekehrten Sexismus sprechen. Schwarze Frauen wie Männer werden beide benachteiligt und diskriminiert, doch trifft es Männer zumeist deutlich härter.
(schwarze) Männer werden häufiger straffällig (1 in 4 waren bis in ihren 30ern einmal im Gefängnis seit den 70ern), verdienen mittlerweile 14 % weniger als weiße Frauen (33 % weniger als weiße Männer), werden als bedrohlicher wahrgenommen (Polizeigewalt gegenüber schwarzen Männern), werden öfter verhaftet als weiße Männer etc.
Vor ihrem 14ten Geburtstag sieht ein schwarzes Kind in den USA ein Elternteil ins Gefängnis gehen, meistens ist es der Vater.
All diese Trends, auch die steigende Vaterlosigkeit in Ghettos und ärmeren Stadtvierteln ist besorgniserregend und sollte mehr Aufmerksamkeit bekommen.
Die aktuelle politische Landschaft
Setzt man sich mit diesen Fakten auseinander, so kann man erkennen, dass viele Problematiken Handlungsbedarf haben. Die aktuelle politische und mediale Landschaft setzt einen großen Stellenwert auf die Erreichung einer Gleichberechtigung für beide Geschlechter, die freie Wahl des Geschlechts und ähnlichen Thematiken. Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass es auch viele Männer gibt, die unter Diskriminierung und Ungerechtigkeit leiden. Es ist ein Trend geworden im Mann ein leicht anzugreifendes Feindbild zu sehen, indem über toxische Männlichkeit, biologische Ungerechtigkeiten und Weiteres gehetzt wird, doch sollte das nicht die Augen für die Realität vernebeln. Der Zustand der Männer aus ärmeren, ungebildeten und/ oder mit einem Migrationshintergrund versehene Schichten sollte uns Sorgen machen. Auch für diese Gruppen sollten wir uns einsetzen und Diskriminierung verhindern.
Es ist schwer geworden, etwas gegen diese in Teilen sehr polarisierende Bewegung zu sagen, Stichwort politische Korrektheit. Äußert man sich, kann es leicht geschehen, dass man zu einem Feindbild gemacht wird, als rechts oder frauenfeindlich abgestempelt wird, doch basiert das oft auf keiner wirklichen Grundlage. Wir sollten uns gegen alle Formen der Diskriminierung stark machen und keine Gruppe bevorteilen, nur weil sie den Zeitgeist dominiert. Wann wird Realität mit Fiktion vermischt? Wann verkommt Protest zum politischen Schein einer interessenbasierten Agenda? Das sind Fragen, die wir uns stellen sollten.
Von Jungen und Männern
Falls Interesse für dieses Thema aufgekommen ist, kann ich gerne das bereits genannte Buch „Von Jungen und Männern“ von Richard v. Reeves empfehlen. Dort können weitere Interesse Inhalte gefunden werden, unter anderem auch Lösungsansätze für mehr wirkliche Gleichberechtigung.

