Wann immer wir uns ein Ideal formen, soll es ganz unserm Wunschbild entsprechen, doch hüten wir uns vor dem Unerfüllbaren
Aristoteles
Hört man den Namen Aldous Huxley, so denkt man vielleicht an seinen 1932 erschienenen Roman „Schöne neue Welt“, in welchem er eine der ersten Dystopien der Weltliteratur skizzierte. In diesem Roman geht es um eine Gesellschaft, in welcher individuelle Freiheit, Emotionen und kritisches Denken unterdrückt ist und die Menschen durch genetische Manipulation, Überwachung und Konsumzwang kontrolliert werden. Unter dem Radar der großen Bekanntheit erschien jedoch 1962 ein ganz anderes Buch aus seiner Feder namens „Eiland“, in welchem er den Versuch wagte, eine Utopie zu beschreiben. Da dieses überaus interessante Buch leider keine große Bekanntheit hat, möchte ich nun in einer Reihe von Texten den Inhalt seiner Idee von einer solchen Utopie zusammenfassen. Doch was ist eine Utopie eigentlich so genau?
Ein Ort der Träume
Das Wort Utopie stammt aus den altgriechischen Begriffen οὐ (nicht) und tópos (Ort) und beschreibt einen „Nicht-Ort“. Es kann als Versuch angesehen werden, einen Entwurf einer idealen Gesellschaft zu konstruieren. Allerdings wird diese häufig nur als bedingt realisierbar betrachtet, daher auch die Bezeichnung eines „Nicht-Ortes“. Verschiedene Denker haben im Laufe der Geschichte versucht, eine solche Gesellschaftsvision zu konstruieren und sind dabei unterschiedlich vorgegangen. Mal ist es eine entfernte Insel (Utopia von Thomas Morus 1516), mal ein anderer Planet (Fremder in einer fremden Welt von Robert A. Heinlein 1961), oder in der Zukunft (Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 von Edward Bellamy 1887). Gemeinsam haben sie jedoch alle, dass dort versucht wird eine bessere Welt zu beschreiben um dadurch positive Anregungen für die reale Gegenwart zu geben.

Arten von Utopien
Man kann Utopien in unterschiedliche Arten einteilen, da je nach Richtung die Intention eine andere ist. Politische Utopien, wie wir sie beispielsweise in Platons Politeia (der Staat) vorfinden, sind staatszentriert oder anarchistisch und zielen darauf ab, die politische Struktur grundlegend zu verändern. Platon konstruierte – oberflächlich zusammengefasst – ein Staatsmodell, das sich durch das Zusammenwirken dreier Gesellschaftsklassen (Philosophenkönige, Wächter, Arbeiter) und dreier Seelenteile (Vernunft, Mut, Begierde) auszeichnet. Das Werk behandelt die Frage nach Gerechtigkeit und dem idealen Staat.
Religiöse Utopien basieren auf spirituellen, moralischen und göttlichen Prinzipien. So kann das christliche Paradies als solche bezeichnet werden- ein Ort ewiger Glückseligkeit, frei von Leid und ohne Sünde. Diese Vorstellung bezieht sich jedoch auf das Jenseits. Allerdings gab es auch im Diesseits Versuche, eine gottestreue, ideale Lebensweise zu verwirklichen, etwa in mittelalterlichen Klostergemeinschaften.
In wissenschaftlich- technische Utopie wiederum soll dem Menschen durch technischen Fortschritt ein perfektes Leben ermöglicht werden. Ein modernes Beispiel hierfür ist der Transhumanismus, dessen Ziel es ist, die biologischen Grenzen des Menschen zu überwinden.
Gesellschaftliche Utopien konzentrieren sich hingegen stärker auf soziale Strukturen und Lebensweisen, wie es etwa in Eiland dargestellt wird. Sie hinterfragen gesellschaftliche Werte, wirtschaftliche Systeme und zwischenmenschliche Beziehungen. In diesem Werk erschafft Huxley die Insel Pala als Modell einer alternativen Gesellschaft.
Was ist Pala?
Pala ist eine Insel, welche im Indischen Ozean liegen soll. Durch die geografische Abgeschiedenheit konnte sich dort, weitestgehend von der Außenwelt isoliert, eine utopische Gesellschaft entwickeln, welche auf einer Mischung aus östlicher Spiritualität, westlicher Wissenschaft und einem nachhaltigen Zusammenleben aufgebaut ist. Vom Kolonialismus der Europäer, wie auch von anderen Großmächten verschont, konnte sich dort weder das Christentum, noch kapitalistische Wertesystem oder der Maoismus durchsetzen, weshalb sich die Insel nach anderen Ideen entwickeln konnte.
Erst im 19. Jh. kam ein schottischer Arzt, Dr. Andrew MacPhail durch Zufall nach Pala, um den damaligen erkrankten Raja (Herrscher) zu behandeln. Dieser litt unter furchtbaren Schmerzen und da Pala bis zu diesem Zeitpunkt von der Außenwelt isoliert war, hatten sie keine fortschrittliche medizinische Versorgung. MacPhail schaffte es ihn durch seine Erfahrung und Wissen zu heilen, wodurch eine tiefe Freundschaft zwischen den Beiden entstand. So entwickelten sie gemeinsam eine Vision für Pala in der die moderne Wissenschaft und Philosophie mit der Weisheit der buddhistischen und hinduistischen Spiritualität vermischt werden sollte.

Ist eine solche Utopie realistisch?
Es muss gesagt sein, dass eine wie in diesem Buch beschriebene Welt wohl nicht wirklich realistisch ist. Im Gegenteil zeichnet sich eine Utopie durch eine „Tragik der Unrealisierbarkeit“ aus, allerdings konzentriert sie sich auch nicht unbedingt auf die Verwirklichung. Vielmehr soll sie als Antrieb für eine wünschenswerte Zukunft dienen, die Fantasie anregen und Optimismus fördern.
Denn nicht nur würde eine solche Gesellschaftsvision nicht von heute auf morgen, sondern nur über einen langen Zeitraum hinweg möglich sein, auch würde es einige Hürden geben. Wäre es überhaupt gewollt oder besteht nicht das Interesse der Machthabenden in den allermeisten Fällen darin, an der Macht zu bleiben, die bestehenden Verhältnisse also zu sichern? Auch ist eine Utopie nicht durch Gewalt zu erreichen, wie man es in der Geschichte bspw. in der Vision der DDR sehen konnte. Diese ist, wie wir wissen, mit gutem Grund gescheitert. Forciert man etwas, so wird es immer zwangsläufig zu einer Verschlechterung der Verhältnisse führen, egal ob kurzfristig die positiven Effekte überwiegen. Es ist nur langfristig möglich herauszufinden, ob solche Gesellschaftsmodelle funktionieren oder nicht.
Was bringt die Lektüre von „Eiland“ also?
Es geht nicht darum eine Blaupause für eine bessere Welt zu finden, sondern sich ganz bewusst auf das Gedankenspiel des Romans einzulassen, um dadurch vielleicht auf neue Gedanken zu kommen. Egal ob für die eigene Persönlichkeit oder das soziale Umfeld. In solch einer Lektüre warten neue Erkenntnisse und interessante Ideen, die durch eine produktive Auseinandersetzung wiederum neue Gedanken entstehen lassen können. In „Eiland“ finden wir eine faszinierende Welt vor, welche sich nach Idealen wie Liebe, Harmonie, Gemeinschaft und Gerechtigkeit orientiert. Es bietet spannende pädagogische Ideen für Bildung und Erziehung, beschreibt ein unkonventionelles wie interessantes Familien- und Arbeitsmodell und eine Weise, mit Spiritualität und Glauben umzugehen, die in der westlichen Welt leider verloren gegangen ist.
Darum werde ich die nächsten Beiträge der Beschreibung dieser faszinierenden Ideen widmen.

