Das Buch
977 Seiten groß ist also dieses Machwerk des Romanciers William M. Summerset, der von sich selbst behauptet „alles, was er gewusst hat“ in das Buch hineingelegt zu haben. Nun, das merkt man auch. Es ist ein Buch, gewaltig in seiner physischen Form und doch geschmeidig in der Sprache, das bewegt. Es regt zu Gedanken an, zeigt Möglichkeiten, manchmal harte Realitäten, Regen und Traufe, Glück und Unglück und einen Protagonisten im Mittelpunkt, der schon nach wenigen Seiten zum Begleiter wird. Zum Identifikationsobjekt, mit welchem der Leser sofort mitfiebert. Ein Teil des Lesers wird eben zu diesem „Phillip Carey“, welcher einen langen Lebensweg vor sich hat und schon in jungen Jahren für ihn prägende Erfahrungen durchmachen muss. Egal ob der frühe Tod der Eltern, das Aufwachsen bei streng gläubigen Pateneltern (der Onkel seiner Zeichen Prediger einer Kirche, sowie geizig und kühl), welche nie selbst Kinder kriegen konnten und auch nicht genau wussten wie mit ihm, dem in der Welt taumelnden Philipp umgehen oder die ersten Erfahrungen mit Bildung und Freunden, die er machen darf, das alles beeinflusst maßgeblich seinen Charakter. Freude erfährt er durch die Bibliothek des Onkels, Unglück im Zwang der christlichen Kirche. Was Zuhause in die Lektüre vertieft zu sprießen beginnt, geht in der Schule wieder ein.
So begleiten wir ihn auf den Wegen der Bildung, Liebe, Freundschaft durch verschiedene Städte und Länder, immer verbunden durch die gewaltige Beobachtungsgabe des Autors. Egal ob Heidelberg, Paris oder London. Immer schafft er es und eine Welt zu erschaffen, in die wir eintauchen können, beinahe müssen. Oft ist diese Welt frustrierend und unschön anzusehen, doch auch diese in Fülle vorhandenen Momente, werden detailliert und gedankenreich beschrieben, sodass sich doch fast wieder an Schönheit gewinnen
Die Suche nach Liebe
Liebe ist ein essenzielles Thema in diesem Roman und wird äußerst detailliert und weitreichend beschrieben. Es wird in seiner ganzen, häufig harten Realität behandelt und zückt nicht vor den unschönen Seiten dieses Zaubers zurück. Frustration, Zurückweisung, Blamagen, Dummheiten, Verletzungen. Das alles kommt in einer fast schon schmerzhaften, höchst virulenten Anzahl vor, denn fast immer zeigt sich die Liebe, dieser ständige Begleiter abweisend ihm gegenüber.
Das lässt den Leser leiden, erschöpft und frustriert ihn; es schafft Hoffnung auf Besserung, schönere Zeiten, „Gerechtigkeit“. Man wird persönlich mit dem Protagonisten und nimmt dessen Erlebnisse und deren Wendung fast schon mit stürmischer Wut und Frustration auf, als würden sie im eigenen Leben geschehen.
Da ist vor allem Miltred. Dieses Scheusal, dieses Monster, diese traurige Seele, dieses arme junge, doch so törichte Mädchen. Man empfindet Wut, Abneigung, ja sogar Hass auf sie und doch… am Ende bleibt vor allem Mitleid und ein wenig Scham zurück. Nicht für Philipp, welcher doch so narrenhaft sich immer wieder blamiert, beschämt und selbst verletzt auf die schlimmsten psychischen Weisen, sondern für Miltred. Ein junges Mädchen, gefangen in den Zwängen der Illusionen, kontrolliert durch gesellschaftlich auferlegte Neurosen, fantastische Vorstellungen und eine Orientierungslosigkeit, die ihre Mitmenschen, Philipp und vor allem sie selbst beinahe zerstört. Philipps Gefühlsleben ist dabei prägend für den Leser. Es ist zumeist schmerzhaft, oft fast nicht auszuhalten, da es so frustrierend wie sinnlos zu sein scheint und gleichsam so realistisch, so nah an der Realität gebaut und so lehrend.
Ihr Ende könnte Schadenfreude erwecken. Doch es hinterlässt nur Trauer, Kopfschütteln und ein wenig Zorn für ein verschwendetes Leben.
Die anderen Frauen in seinem Leben stehen alle für eine wertvolle Lektion und viel Weisheit. Seine Tante vermittelte ihm mütterliche Liebe durch ihr großes Herz und doch undankbares Leben. Miss Wilkinson schenkte ihm Einblicke in eine neue Welt. Nora zeigte ihm wahre Freundschaft und Sally, schlussendlich Bedeutung in seinem Handeln und das Gefühl geliebt, geschützt und behütet zu werden.
Das Streben nach einer Berufung
Egal ob die kurze Buchhaltungslehre in London, das Studium der Malerei in Paris, das Medizinstudium in Paris oder der notdürftig angenommene Job im Verkauf. Er beschreitet diese unterschiedlichen Berufe mit stetig umherschauenden Auge. Er sieht potenzielle Karrieren, Lebenswege, ja Schicksale seiner selbst. Philipp sucht nach Halt und Erfüllung und findet doch nur mögliche Schlüssel ohne passendes Loch. Die Realisation, dass nicht das Finden des Schlüssels der Weg zu Sinnhaftigkeit ist, sondern die Formung des Loches kommt ihm in den praktischen Erfahrungen im Medizinberuf. Die Erfahrungen im Armutskrankenhaus, das Geburtshelferpraktikum und das Aushelfen in einer Arztpraxis in kleiner Provinz lassen ihn, genährt durch die Erfahrungen von Kunst und Schönheit in Paris erkennen, was wirklich wichtig für ihn im Leben ist.
Und so bekommen wir in diesem Roman eine interessante Perspektive bezüglich der täglichen Arbeit. Während viele Figuren unglücklich in ihrer Arbeit sind und diese nur zum Geld verdienen benutzen, gibt es einige wenige traurige Gestalten, deren finanzielle Situation anderes ermöglicht beziehungsweise verhindert. So ist Phillips Freund Hayward durch ein kleines Vermögen von der Last der alltäglichen Arbeit befreit, kann sich jedoch auch nicht wirklich mit einer Sache identifizieren, die ihn fesselt und sinnerfüllend für ihn zu sein scheint.
Sinnsuche
Die Suche nach Sinn ist eines der wichtigsten Themen dieses Romans, welches alle dort auftauchenden Figuren betrifft. Verwirklichung durch Liebe, Arbeit, Kunst, Familie oder Religion, das sind Ziele der meisten. Andererseits sind auch viele nihilistische Züge in diesem Buch zu erkennen, die von vielen Figuren so artikuliert werden. So bietet der verblichene, der Trunksucht verfallene Dichter Cromwell in der Metapher seines persischen Wandteppichs ein passendes Bild zu der Stimmung Phillips. Dieser Teppich, beschrieben mit „dort wirst du den Sinn des Lebens finden“ offenbart seine Bedeutung erst in seinem Ende, wenn er in Fetzen verstreut im Zimmer liegt. So scheint dessen These zu sein, dass es den Sinn nicht gibt und alles bedeutungslos ist. Mit dieser „Offenbarung“ hat Phillip sehr zu kämpfen, nachdem er verschiedene Glaubenssysteme in seiner noch jungen Entwicklung ausprobiert hat und in keiner zur Befriedigung gekommen ist. Gnostische Glaubenspuzzles, philosophische Halbweisheiten, biologische Reproduktionserklärungen oder eben nihilistische Weltverteufelungen. Richtig „angekommen“ fühlt er sich mit keinem System.
Persönliches Reflektieren
Wie schon erwähnt bietet „Der Menschen Hörigkeit“ endlos viele Möglichkeiten, sich mit einer der Figuren zu identifizieren, vorrangig Phillip. Durch sein authentisches Auftreten, seine so leicht wie verständlich ausgedrückte Gedanken, fantastisch beschrieben Charakterentwicklungen und etliche „Wirrungen des Schicksals“ kann es den Leser nicht kaltlassen. Phillip wird zum zweiten Ich, mit dem man fiebert, hofft und bittet. Und kann nicht jeder sich den Wünschen und Sehnsüchten Phillips anschließen? Geliebt zu werden, eine Heimat finden oder haben, berufliche Erfüllung und Freundschaft. Man begleitet den jungen Mr. Carey mit all seinen Träumen auf seinem Weg und kommt dabei selbst ins Schweifen, Schwärmen und Schwelgen. Wut und Schmerz überkommen uns bei Miltred, Rast und Erholung bei Nora; der Onkel löst Zwiespalt zwischen dem eigenen Gewissen aus und die ganze Familie der Athelnys lässt uns Wärme, Mitgefühl, Zuneigung und Tapferkeit, Kraft und Stärke erkennen.
Fazit
Und das alles ist eine Reise. Ein Ausflug in das Leben und Schicksal eines andern, der zum Freund und Begleiter wird. Häufig verkommt es zur Achterbahnfahrt, deren Weichen jedes Mal noch tiefer am Boden zu schleifen scheinen. Doch das wird dankend akzeptiert, da es nährt. Es zeigt Perspektiven und lässt neue Ideen und Gedankengänge sprießen, deren Saatgut durch diese Lektüre eben erst ausgestreut wurde. Potenzielle Welten werden erschaffen und porträtiert, wie es die aufstrebenden Künstler Paris nicht besser hätten zeigen können. Bestimmte Abschnitte oder einzelne Sätze, welche schon beim ersten Lesen merkbar auf höherer Ebene zu schweben scheinen. Die aus den Zeilen Papier herausleuchten und fast schon von blendender Wahrheit lange im Gedächtnis bleiben und wenn nicht, sich tief ins Herz einbrennen. Man ist dankbar all diese Schicksale kennengelernt zu haben.
Dankbar für all die unbarmherzigen Bilder, die sich von den Zeilen aufgesogen im Kopf manifestieren, für die Fassungslosigkeit, die den Leser oft überkommt. Für die Lehrstunden und Ratschläge, für die Weisheiten und Idiotien, für Entsetzen und Staunen. Dankbar, für eine sehr unterhaltsame wie harte Leselektüre, welche so nah am echten Leben steht und es dennoch schafft, sich magisch schwebend darüber hinwegzubewegen.

