Teil 1 Der Traum vom Aufstieg – Jack Londons Martin Eden und die Klassenfrage

Jack Londons Martin Eden (1909) ist weit mehr als ein klassischer Bildungsroman- es ist eine schonungslose Auseinandersetzung mit sozialen Ungleichheiten, dem Glauben an individuelle Aufstiegschancen und der zerstörerischen Kraft gesellschaftlicher Erwartungen. Martin Eden, ein junger Matrose, setzt alles daran mithilfe von Bildung aus der Arbeiterklasse auszubrechen, um so das Herz der klugen und gutgesitteten Ruth für sich zu gewinnen. Was als inspirierende Selbstverwirklichung beginnt, endet jedoch tragisch: Martin scheitert nicht an fehlender Intelligenz oder Disziplin, sondern an den unsichtbaren Mauern zwischen den Klassen. Sein Aufstieg bringt ihm Anerkennung- aber keine Zugehörigkeit.

 

In diesem Beitrag möchte ich untersuchen, warum Martin Edens Versuch aus der Arbeiterklasse zu entkommen, scheitern musste. Dabei werde ich zentrale Konzepte des französischen Soziologen Pierre Bourdieu (1930–2002) einbeziehen – Kapital und Habitus. Sie bieten einen theoretischen Schlüssel zum Verständnis von Martins innerem und äußerem Konflikt – und zeigen zugleich, wie aktuell Londons Roman bis heute geblieben ist.

Dabei starte ich mit einer kurzen Handlungs-Zusammenfassung und gehe danach über in die Theorien Bourdieus. Für die, die das Ende nicht erfahren möchten, habe ich einen Spoiler-Schutz eingebaut.

 

Eine kurze Zusammenfassung

A Young Sailor (1908)
Henry Scott Tuke (1858 – 1929)

Martin Eden tritt in Erscheinung

Das Buch beginnt mit dem Matrosen Martin Eden, der sich in einer Eingangshalle befindet und in ein schönes Wandportrait vertieft ist. Er hat in einer Bar einen wohlhabenden jungen Mann verteidigt und wurde dafür zum Essen bei dessen Familie eingeladen. Dort verliebt er sich in die anmutige Ruth Morse, die seinen Wunsch nach Bildung weckt.

Im Gespräch mit ihr bemüht er sich, auf ihrem sprachlichen und kulturellen Niveau zu sprechen, merkt aber schnell, dass ihm dies nicht gelingt. Auch beim Abendessen fühlt er sich fehl am Platz und zieht es vor zu schweigen, um nur nichts Falsches zu sagen. Doch verstärkt diese Erfahrung nur sein Ziel, Ruths Liebe zu gewinnen. Zu ihr aufzusteigen.

Er beginnt sich intensiv weiterzubilden, zunächst mit Ruths Anleitung. Sie ist fasziniert von seiner rohen, ihr so fremden Art und erkennt seinen starken, unzähmbaren Willen. Schnell entwickelt sich eine Schüler-Lehrer-Beziehung zwischen den Beiden, durch die Martin schnell Fortschritte macht. Grammatik, Höflichkeit, Sprache und bald darauf anspruchsvolle Literatur. Martin nimmt alles mit großem Interesse auf.

Doch je tiefer er eintaucht, desto mehr wächst ein innerer Konflikt in ihm. Er steht zwischen zwei Klassen: der Arbeiterklasse, aus der er stammt, und der Bourgeoisie, zu der er aufsteigen will – aber in keiner fühlt er sich wirklich zuhause.

Finanzielle Not zwingt ihn darauf zurück zur Seefahrt. Dort entdeckt er seine Leidenschaft fürs Schreiben – ein neuer Traum wächst: gesellschaftlicher Aufstieg durch Literatur. Wieder an Land erzählt er Ruth davon, doch sie reagiert skeptisch und empfiehlt ihm einen sicheren Beruf. Martin aber schreibt eifrig wieder, trotz den zahlreichen Ablehnungen, die er von den Zeitschriften erhält.

Er entwickelt sich weiter, liest Philosophen wie Herbert Spencer und beginnt, gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen. Ruths Ideal der klassischen Bildung erscheint ihm bald oberflächlich, da er nun die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Wissensgebieten entdeckt. Diese Erkenntnis empfindet er als Schlüssel auf dem Weg in höhere Sphären.

Nach längerem erfolglosem Schreiben nimmt Martin eine Arbeit in einer Wäscherei an, merkt jedoch schnell, dass die körperliche Erschöpfung geistige Beschäftigung unmöglich macht. Gemeinsam mit seinem Kollegen Joe verfällt er verzweifelt dem Alkohol und beginnt sein Leben zunehmend zu hassen. Schließlich kündigen beide und trennen sich voller Erleichterung.

 

At The Seaside
Robert Ponsonby Staples (1853–1943)

Verlobung mit Ruth und Schicksalsschläge

Zurück in Oakland begegnet er wieder Ruth. Sie verloben sich, auch wenn ihre Familie ihn für ungeeignet hält. Martins Erfolg lässt weiterhin auf sich warten und auch seine Gesundheit verschlechtert sich in einer unermüdlichen Schreibepisode. Gerade als er glaubt, gescheitert zu sein, erhält er die ersten Schecks – endlich scheint sein Schreiben anerkannt.

 

Er wird in Ruths Kreise eingeführt, doch die Begegnung mit der Oberschicht ernüchtert ihn: Viel Schein, wenig Tiefe. Erst mit dem kranken Dichter Brissenden findet er einen Seelenverwandten. Durch ihn lernt er eine Gruppe von Intellektuellen kennen und erlebt dort die geistige Ekstase, nach der er sich so lange sehnte. Doch nach einem politischen Abend wird er fälschlich als Sozialist diffamiert. Ein Skandal im frühen Amerika des 20. Jahrhunderts. Darauf verlässt ihn Ruth.

Kurz darauf verlässt ihn auch sein Freund Brissenden. Erschöpft durch seine Krankheit begeht er Selbstmord, hinterlässt Martin jedoch ein Gedicht voller Perfektion und Schönheit, weshalb er versucht es zu veröffentlichen, um das Andenken seines Freundes zu ehren. Nach anfänglichem Lob wird es allerdings von den Medien verrissen. Ironischerweise gelingt ihm kurz darauf der literarische Durchbruch: Wohlstand, Anerkennung, gesellschaftlicher Aufstieg. Doch statt Freude empfindet er Leere. Warum wird er erst jetzt akzeptiert, obwohl er doch derselbe geblieben ist?

Bourdieu- Kapital und Habitus

Pierre Bourdieu (1930–2002) war einer der bedeutendsten Soziologen des 20. Jahrhunderts. Mit Werken wie Die feinen Unterschiede (1979) prägte er die Analyse moderner Klassengesellschaften entscheidend. Seine Konzepte wie Kapital und Habitus bieten ein hilfreiches theoretisches Werkzeug, um soziale Ungleichheit zu verstehen – auch rückblickend auf die Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts, wie sie Jack London in Martin Eden beschreibt. Eine vereinfachte Einführung in diese Ideen soll im Folgenden helfen, das Scheitern von Martin Eden besser zu deuten.

Kapital

Für Bourdieu ist der Begriff des Kapitals nicht rein wirtschaftlicher Natur, sondern bezieht sich auf alle Ressourcen, die gesellschaftlich wertvoll sind. Es sind also Ressourcen, die Handlungsmöglichkeiten eröffnen und eine Bewahrung oder Verbesserung der sozialen Position ermöglichen. Der Begriff besitzt für ihn also eine Allgemeinheit und bezieht sich auf die Gesamtheit der sozialen Beziehungen. Die drei primären Kapitalformen sind ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital.

    • Ökonomische Kapital umfasst Produktionsmittel und Tauschwerte. Dies beschreibt den materiellen Reichtum und finanzielle Ressourcen.

    • Kulturelles Kapital beinhaltet Bildung, Wissen und Fähigkeiten (inkorporiert), materielle Kulturgüter wie Bücher und Kunstwerke (objektiviert) sowie Bildungstitel (institutionalisiert).

    • Soziales Kapital ergibt sich aus sozialen Netzwerken und Beziehungen, die Zugang zu Ressourcen und Einfluss ermöglichen. Es basiert auf Vertrauen, Anerkennung und der Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen.

Diese Kapitalformen sind miteinander verknüpft und können ineinander umgewandelt werden (z.B. kann ein Bildungstitel den Zugang zu wirtschaftlichem Kapital erleichtern). Die Wertigkeit variiert je nach sozialem Feld, also dem gesellschaftlichen Bereich. Um die soziale Position eines Individuums zu bestimmen, muss neben dem Kapital auch der Habitus berücksichtigt werden.[1]

Habitus

Der Habitus bezeichnet die verinnerlichten Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen eines Individuums, die durch soziale Prägung entstehen. Er bildet das grundlegende Prinzip des Handelns, Wahrnehmens und Denkens und wird durch Erfahrungen in einem bestimmten sozialen Umfeld erworben. Der Habitus ist also nicht genetisch, sondern durch Sozialisation hervorgebracht.

Er ist ein vielschichtiges und komplexes System von Dispositionen (Anordnungen), das keine einzelnen Bewegungsabläufe oder Handlungen beschreibt, sondern eine Art und Weise des Handelns. Bourdieu kam zu der Erkenntnis, dass die soziale Herkunft den Habitus maßgeblich determiniert, ihn also entstehen lässt. Dies geschieht unter anderem durch Erziehung und Ausbildung, in welcher der Habitus der Herrschenden für den Rest der Gesellschaft als Norm betrachtet wird und diese sich anpassen müssen. In Gesellschaften ohne pädagogischen Apparat geschieht dies vor allem durch Praxis, also Nachahmung im Alltag.

Da Bourdieu weniger Individuen als vielmehr soziale Gruppen und Klassen untersucht, spricht er vom Klassenhabitus – einem kollektiven Habitus, der sich innerhalb einer sozialen Klasse entwickelt. Das soziale Milieu bestimmt und prägt, wie die Umwelt wahrgenommen und mit ihr interagiert wird. Je länger ein Mensch in einem bestimmten sozialen Umfeld lebt, desto stärker verfestigt sich der Habitus und gibt das zukünftige Denken und Handeln vor.[2]

Ausblick auf Teil 2

Im zweiten Teil des Beitrags zeige ich, wie sich Bourdieus Theorie konkret auf Martin Edens Lebensweg anwenden lässt – und warum sein Scheitern mehr mit gesellschaftlichen Strukturen zu tun hat als mit persönlichem Versagen. Dieser kann hier gefunden werden:

 


[1] Vgl. 137 Fröhlich, Gerhard, und Boike Rehbein, Hrsg. Bourdieu-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: J.B. Metzler, 2009.

[2] Vgl. ebd. 112-113

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