Teil 2: Zwischen zwei Welten – Warum Martin Eden an der Gesellschaft zerbricht

Im ersten Teil dieser Blogreihe habe ich den Bildungsroman Martin Eden von Jack London zusammengefasst und zentrale Begriffe aus der Gesellschaftstheorie Pierre Bourdieus eingeführt. Nun möchte ich einen Schritt weitergehen: Mit den Theorien Bourdieus nähern wir uns einer zentralen Frage des Romans – warum scheitert Martin Eden trotz seines unermüdlichen Strebens, seiner Bildung, seiner schriftstellerischen Erfolge und des sozialen Aufstiegs letztlich doch an der Gesellschaft?
Was als romantische Aufbruchsgeschichte beginnt, endet in tiefer Entfremdung und Tragik. In diesem Beitrag werfe ich einen genaueren Blick auf die unsichtbaren Mechanismen sozialer Ungleichheit und zeige, wie Bourdieus Konzepte von Kapital und Habitus helfen können, Martins Scheitern zu verstehen.

Martin Eden als Kind der Arbeiterklasse

Portrait Of A Worker (1919)
Ilya Efimovich Repin ( 1844 – 1930)

Martin Eden wächst in einem Milieu der körperlichen Arbeit, der direkten Sprache und des Pragmatismus auf, was bis auf die Besuche bei der Familie Morse auch weiterhin seinen Alltag dominiert. Zwar wird er sich des Klassenunterschiedes bewusst, doch dominiert, besonders zu Beginn, sein lebenslang angelernter Habitus. Er spricht mit einem undeutlich und grammatikalisch falschen Englisch, hatte jahrelangen Umgang mit Alkohol (zu der Zeit kurz vor der Prohibition von der Oberschicht vermehrt geächtet), Tabak und hat einen von Arbeit gezeichneten Körper, dessen Muskeln, Teint und Narben ebenfalls von der Oberschicht negativ aufgenommen wird und als körperlicher Habitus weiterhin seine Erscheinung prägt und seine Herkunft signalisiert.

Beobachtung seiner Umgebung

Während er sich weiterbildet, beginnt er nicht nur sich selbst, sondern auch seine Umgebung anders wahrzunehmen. Ihm fällt die Grobschlächtigkeit und Erschöpfung seiner Schwester auf, erkennt in den Arbeitermädchen seines Umfelds ihre „geschmacklosen Kleider, in denen sie schön auszusehen versuchten, ihre tragischen Bemühungen, ordentlich und sauber zu sein (…)“, die „sehnsuchtsvollen, hungrigen Augen und ihre schlecht ernährte weibliche Gestalt, die direkt aus der Kindheit in eine panische, wilde Reife gedrängt worden war“ und bemerkt, wie er sich davon immer weiter distanziert. („Diese kecken schwarzen Augen hatten ihm nichts zu bieten“) allerdings ist sein inkorporierter Habitus nicht einfach abzulegen, weshalb er in verschiedenen Situationen, zum Beispiel wenn er in Rage gerät, auf alte, sich automatisiert äußernde Verhaltensmuster zurückfällt.

Alkohol als sozialer Mechanismus

Eine besonders interessante Szene bietet der Job in der Wäscherei, den er aus finanziellen Gründen annehmen muss. Trotz geistiger Ambitionen sich dort weiterzubilden, muss er schnell feststellen, dass es die nervenzermürbende, körperzerstörende Schinderei ihm unmöglich macht, außerhalb davon noch etwas zu denken. Nach anfänglicher Zurückhaltung findet er gemeinsamen mit seinem Arbeitspartner Joe eine Rettung im Alkohol. Dort erkennt er „in heller Beleuchtung, wie er sich zum Vieh machte- nicht nur durch die Sauferei, sondern schon durch die Arbeit, die Sauferei war eine Wirkung und keine Ursache. Sie folgte der Arbeit unweigerlich, wie Nacht auf den Tag.“ Hier zeigt sich der Alkohol nicht einfach als individuelle Entscheidung, sondern als habitueller Bewältigungsmechanismus der Arbeiterklasse. Martin übernimmt nach einiger Zeit die Perspektive der Oberschicht, was zu Selbstverachtung führt, ihm jedoch auch dabei hilft, aus dieser Arbeit auszubrechen.

Der Kontakt mit der Oberschicht

The Painter, His Wife And Daughter
James Jebusa Shannon 1862-1923)

Bereits der erste Kontakt mit der Figur Martin Eden gibt dem Leser ein gutes Gefühl seiner Person. Er wird als ein junger Bursche beschrieben, der derbe nach Salzwasser riechende Kleidung trägt, unbeholfen wirkt und sich fehl am Platz fühlt. Schnell werden ihm die vielen Unterschiede bewusst, die ihn von den Menschen der Oberschicht trennen. („Er beobachtete den leichten Gang des anderen vor ihm und merkte zum ersten Mal, dass sein eigener Gang anders war als der von anderen Leuten. Einen Moment lang schämte er sich, dass er so grobschlächtig ging“). Er bemerkt die Bücher, die auf dem Tisch liegen, sieht die Gemälde an der Wand und empfindet großen Respekt vor der „durchgeistigten“ Atmosphäre, die er im Haus der Familie Morse wahrnimmt.

Der erste Kontakt mit dieser für ihn fremden Welt lässt große Sehnsucht in ihm entstehen. Eine Sehnsucht und Verlangen, das sich mit dem Auftreten Ruths noch verstärkt. Im Dialog mit ihr wird ihm auch erstmals bewusst, wie er wohl mit seinem Verhalten auf andere wirkt und gewinnt dadurch eine weitere Klarheit, sich verändern zu wollen. Sie benutzt Worte und Begriffe, die ihm unbekannt sind, doch statt davon abgestoßen zu sein, haben sie einen gegenteiligen, stimulierenden Effekt auf ihn. („Das war also das intellektuelle Leben, dachte er, und es war von einer wunderbaren Wärme und Schönheit, wie er sich nie erträumt hätte.“)

Streben nach kulturellem Kapital

Früh kann man Martins Streben nach kulturellem Kapital erkennen. Im bourgeoisen Haus der Familie Morse, wo das Studieren und lesen von Büchern, Gespräche über Kunst, Politik und Musik, sowie ein gepflegter Umgangston und gute Manieren zur Normalität gehören, kann man ein hohes kulturelles Kapital erkennen, dass sich von der Arbeiterklasse des späten 19. Jh. (und auch noch 2025) klar unterscheidet. Im weiteren Verlauf der Lektüre gelingt es Martin Eden, sich ein hohes kulturelles Kapital anzueignen, wobei dies besonders in inkorporierter Art, in Form von Wissen, Bildung und Fähigkeiten, sowie im späteren Verlauf in objektivierter Art durch Bücher bleibt. In verschiedenen abendlichen Unterredungen mit der Familie Morse und hoch angesehenen Gästen gelingt es ihm jedoch trotz seiner akquirierten Bildung nicht, den gleichen Respekt zu erfahren.

Im Vergleich zu Ruths Brüdern, alle mit Hochschulabschluss, Gästen wie dem Richter Blunt oder Professor Caldwell fehlt ihm das kulturelle Kapital in institutionalisierter Form, das jedoch in dieser Klasse ohne Ausgleich als unerlässlich angesehen wird. Ist jemand weder im Besitz von finanziellen Mitteln (ökonomisches Kapital) oder Bildungstiteln (institutionalisiertes kulturelles Kapital) noch im Besitz guter Beziehungen (soziales Kapital), so wird seine Position als weniger stark wahrgenommen. Martin bleibt also weiterhin ein Außenseiter.

Einfluss von Ruth

Reading the news
Luis Álvarez Català ( 1836 – 1901)

Ruth besitzt durch ihre Zugehörigkeit zur Bourgeoisie ein hohes soziales Kapital. Durch das breite Netzwerk ihrer Familie gehen Abendgesellschaften mit hoch angesehenen Personen in ihrem Heim zur Normalität. Martin wirkt daher vor allem durch seine Rohheit anziehend auf sie. Im Vergleich zu den gepflegten und gut gesitteten Männern aus ihrem eigenen Umfeld wirkt Martin animalisch, verrucht, was paradoxe Gefühle in ihr auslöst. („Der Mann machte ihr Angst, und zugleich war es irgendwie angenehm, so angeschaut zu werden“). Er löst in ihr eine Mischung aus Mitleid und Zärtlichkeit aus, jedoch nicht herablassend, sondern mütterlicher Natur. Sie will ihm helfen und ihn am besten zum Ebenbild ihres Vaters machen. Hier kann man gut Ruths eigenen, durch die Bourgeoisie geprägten Habitus erkennen.

Kein Vertrauen in sein Schreiben

Vorerst gelingt dies und ihre Zuneigung beginnt größer zu werden, auch wenn das Aufkeimen Martins literarischer Leidenschaft für sie ein Dorn im Auge bleibt. Sie betrachtet es als irrsinnig und ist sich unsicher, ob Martin das Potenzial zum erfolgreichen Schriftsteller hat. („Nun ja, deine guten Arbeiten, die du selbst gut nennst, kannst du nicht verkaufen. Du hast es versucht, das weißt du- aber die Redakteure kaufen sie nicht“) und („Ich glaube nicht, dass du zum Schreiben geschaffen bist. Verzeih mir, Liebling“) In unterschiedlichen Momenten versucht sie ihn zu einer bürgerlichen Stelle zu überreden, möchte ihm Latein beibringen und ihn nach dem Ebenbild ihres Vaters formen, doch Martins Weigerung sich der Norm und der Konventionalität anzupassen, wird zunehmend zum Konfliktthema.

Soziale Aufstieg als Illusion

The Desperate Man
Gustave Courbet (1819-1877)

Durch einen glücklichen Erfolg eines seiner Bücher schafft er es bekannt zu werden. Gleich darauf werden alle seine Werke zu horrenden Preisen erworben und er wird schnell zu einem sehr reichen Mann. Nun mit hohem Kapital, sowohl im kulturellen, sozialen wie ökonomischen ausgestattet, erkennt Martin schnell eine gewisse Heuchelei in dieser Schicht. („Als er Essen gebraucht hatte, hatte niemand ihn eingeladen, aber jetzt, wo er sich tausend Mahlzeiten leisten konnte und schon völlig den Appetit verloren hatte, bedrängte man ihn von allen Seiten mit Einladungen.“). Er hat gehofft, mit Talent und harter Arbeit Wertschätzung für seine Werke zu erfahren, doch war es bloß der Ruhm, den die Leute an ihm zu schätzen lernten.

Desillusionierung der Oberschicht

Verschiedene Erfahrungen bringen ihn weiter in eine Dissonanz zwischen seiner Hoffnung und der Realität. Das Treffen und Zureden von Brissenden („Was willst du Eintagsfliege mit Ruhm? Wenn du ihn erlangen würdest, wäre er Gift für dich. Du bist zu direkt, zu elementar, zu rational, glaube ich, um bei einem solchen Brei zu gedeihen“) und der Kontakt zu einem wahrlich intellektuellen Kreis („Ich bin so aufgeregt, wie ein Kind bei seinem ersten Zirkusbesuch.“) und die Erkenntnis, dass die Brillanz nach der er strebt, kaum im ordinären Feld der Bourgeoisie zu finden ist. („Ich dachte immer, hier in der Oberschicht wären alle Männer und Frauen brillant“)

Das Zurückkehren von Ruth stellt wohl den Höhepunkt seiner Verzweiflung dar. Nach ihrer Trennung von ihm, kommt sie eines Tages zu ihm zurück, in der Hoffnung ihn wiederzugewinnen. Martin durchschaut darin jedoch das ökonomische Interesse ihrer Eltern. Er läuft ihr hinterher, entdeckt ihren Bruder und erkennt tatsächlich, dass es nicht Liebe war, was Ruth zu ihm zurückführte.

Zurück im Kreis der Arbeiter

Zu seinem Bedauern muss er bald feststellen, dass er auch in der Arbeiterklasse nicht mehr daheim ist. Die Verfeinerung seiner Sprache, seiner Bildung, sein Vermögen und Ruf. All diese Punkte distanzierten ihn noch weiter. („Die alten Tage der Freizügigkeit und des Leichtsinns waren vorbei (…) er hatte sich verändert, aber erst jetzt merkte er, in welchem Maße er sich verändert hatte.“)

Nach Bourdieu ist der Habitus tief verankert und nur schwer veränderbar. Sein sozialer Aufstieg führt so einer Art Klassenbruch. Er nicht mehr Teil der Arbeiterklasse und besitzt nicht das legitime kulturelle Kapital, das durch Erziehung erworben wird. Ihm fehlt der sozialisierte Habitus der Bourgeoisie. So resultiert seine Einsamkeit und Desillusionierung in einer doppelten Zugehörigkeit, die am Ende keine ist. („Oben hatte ihn niemand um seiner selbst willen haben wolle, aber auch zu den Angehörigen seiner eigenen Klasse, die ihn früher gemocht hatten, fand er nicht mehr zurück.“)

Warum scheitert Martin Eden also? Ein Fazit

Adieu! (1892)
Alfred Guillou (1844 – 1926)

Jack Londons ist weit mehr als ein Bildungsroman- er ist eine soziologische Fallstudie über die Grenzen des sozialen Aufstiegs. Mit Pierre Bourdieus Theorien kann gezeigt werden, dass nicht nur persönliche Faktoren, sondern auch tief verankerte gesellschaftliche Strukturen bei seinem Scheitern eine Rolle spielen. Sein Habitus, geprägt durch seine Herkunft aus der Arbeiterklasse, steht im Widerspruch zu den Anforderungen der Bourgeoise. Ihm fehlt das legitime kulturelle Kapital, um als vollwertiges Mitglied der Oberschicht anerkannt zu werden, doch gerade, weil ihm dieses Kapital fehlt, bleibt ihm der Zugang trotz Bildungserfolg verwehrt. Gleichzeitig entfremdet er sich jedoch von seiner ursprünglichen sozialen Klasse und wird damit heimatlos und desillusioniert, was letztlich zu seinem tragischen Ende führt.

Um Ruths Liebe zu gewinnen, will er in ihre Welt aufsteigen und sich so ihrem Habitus angleichen. Vorerst idealisiert er ihre Welt, doch wird ihm mit der Zeit bewusst, dass er nicht so werden kann wie sie. Ruth auf der anderen Seite sieht Martin als formbares Projekt, sie liebt ihn, doch nur unter der Vorstellung in ihm eine Kopie ihres Vaters zu erschaffen. Während sie ein Leben im Einklang mit den Werten der Bourgeoisie anstrebt, bleibt Martin ihrem strikten Denken fremd. Auch mit hoher Bildung bleibt er in seinem Kern ein Freidenker und Abenteurer.

Relevanz des Buchs heute

Trotz der Tatsache, dass der Roman bereits 2009 sein hundertjähriges Jubiläum gefeiert hat, würde ich ihn weiterhin als relevant, wenn nicht sogar als zeitlos bezeichnen. Die zentralen Themen des Buchs – sozialer Aufstieg, die Illusion von Chancengleichheit, Liebe und Klassenunterschiede – sind nach wie vor tief in unserem Leben verwurzelt. Wir leben in einer Zeit, in der die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Während die Mittelschicht allmählich verschwindet und Lebensmittel-, Benzin- sowie Heizkosten weiter steigen, erleben wir den möglichen Beginn einer noch drastischeren Krise. Wohnungsnot, Arbeitsplatzabbau durch hohe Kosten und die zunehmende Effizienz von Künstlicher Intelligenz tragen zu einer gesellschaftlichen Unsicherheit bei. Hinzu kommt eine zunehmende Abkehr vom Glauben – sei es an sich selbst, an eine Gottheit oder an eine höhere Idee –, wie es bereits Neil Postman in seinem Buch Keine Götter mehr – Das Ende der Erziehung beschrieben hat.

Doch Martin Eden ist mehr als die Geschichte eines jungen Mannes, der den sozialen Aufstieg sucht. Wir folgen einem Träumer, einem hoffnungsvollen und ungezähmten Geist auf der Suche nach einer höheren Bedeutung, nach der Befreiung aus gesellschaftlichen Zwängen hin zu einer erhabeneren Existenz. In Ruth und in der Welt der Bourgeoisie glaubt er, etwas Wahrhaftiges, Echtes, beinahe Überirdisches zu finden – doch er wird, im ursprünglichen Wortsinn, ent-täuscht.

Für den Leser kann Martin Eden dennoch eine Inspiration sein. Seine Leidenschaft und Neugier können uns antreiben, seine Intensität im Umgang mit dem Leben kann uns beflügeln. So wird das Buch zu einem zeitlosen Werk, denn auch wenn Träume heute hinter einer dichten Wand aus Mikrochips, Zucker und Polarisierung verborgen zu sein scheinen – sie bleiben existent.


 

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