Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur- ein bewegendes Werk

Was will, was kann man zu diesem Buch sagen. Es sagt bereits alles. Und doch ist jedes einzelne Wort zu viel.

Es ist ein, wenn nicht das Buch von Wolfgang Herrndorf (Tschick, Sand), welches im Tagebuchformat über sein Leben nach der Gehirntumordiagnose handelt. Es ist ein Buch über das Leben und Tod, Krankheit und Gesundheit, Gemeinschaft und Einsamkeit. Ein ungerechtes, ein unbarmherziges Buch. Denn das ist es zumeist, das Sterben. Ein Buch mit einer Stimme. Eine Stimme, die den Sinn sucht, ihn findet und ihm doch keine Bedeutung schenkt. Was ist Bedeutung nach einer solchen Diagnose? Was macht das mit einem? Wann schwindet die Frage des „warum“ der des „wie“?

In über 400 Seiten schreibt er also von ganz alltäglichen Dingen und doch anormalem. Er spricht über seine tiefsten Gedanken und isoliert sie doch von seinen Gefühlen. Arbeit und Struktur sind die Gebote der Stunde, in der jede Stunde die letzte sein könnte. Die letzte Stunde, vor der Realisation der Sterblichkeit. Die letzte Stunde, bevor die Hoffnung schwindet, Mögliches zu Wirklichem wird und Glück der unbarmherzigen Natur des Lebens weicht. Und so füllt er die letzten Tage, Wochen, Monate, sogar Jahre, die er noch hat, mit Hoffnung. Und beschreitet sie doch hoffnungslos. Fassungslos. Erstaunt. Wie es nur sein kann. Statistiken werden zu Heils- oder Unheilsbringern. Ärzte zu Propheten. Und der Dämon im Kopf zum stetigen Begleiter über Leben und Tod.

Was macht das mit einem Lesenden wie mir? Es macht Angst und gibt Hoffnung zugleich. Es rebelliert gegen potenzielle Schicksale des eigenen Lebens vor ihrer eigentlichen Entstehung. Es weigert sich, die harte Realität zu akzeptieren. Trotz der vollkommenen Gesundheit. Man leidet mit, fühlt mit und ärgert sich. Man ärgert sich sehr. Warum passiert das nur? Ich habe doch gar nichts getan! „Ich“ kommt in die Gedanken. Das bin ich, mein Schicksal.

Und so schwindet die reale erzählende Person zur Albtraumvision einer potenziellen Zukunft. Eigensinnig wird er, der Leser. Wie würde ich denken, wie würde ich handeln, warum ich? Der Vordergrund verabschiedet sich, der grübelnde Hintergrund des Möglichen kommt zum Vorschein.

Was begeistert und verunsichert. Das ist die Entscheidung, die er zu treffen vermag. Die er treffen muss. Selbstmord. Kopfschuss. Durch den Mund ins Stammhirn. Eine der höchsten Nicht-Überlebensraten.

So kann man ihn nur bewundern. Ihn seiner Selbstsicherheit beneiden. Und doch ist man so froh. So heilfroh, nicht in seiner Haut zu stecken. Nicht diese Entscheidung treffen zu müssen. Und doch trifft man sie. Immer und immer wieder im Laufe des Lesens. Das Lesen verkommt zum ständigen sich-selbst-fragen. Aber so ist es nicht. Man ist nicht in dieser Haut. Nur ein Beobachter. Ein Voyeur. Ein Tourist im Kopf eines Todkranken. Doch dieser lädt ein und lässt teilhaben, ganz bewusst. Dafür ist ihm nur zu danken. Erneut wird Bewunderung groß. Erstaunen. Und doch ist alles nachvollziehbar. Sein Schlussstrich, sein Wirken bis zuletzt, seine Hoffnungen und Ängste.

Wolfgang Herrndorf. Begeisterter Leser, begnadeter Schriftsteller, toller Maler, toller Mensch. Humorvoll, sarkastisch, düster, hoffnungsvoll, nihilistisch, sinngebend, intelligent, weise, töricht, kindisch, erwachsen. Alles und Nichts, denn anders kann er nicht sein. Ist niemand. So bringt die Klarheit das Dunkle zum Vorschein, das sich zwar erhellen mag und doch düster von Schatten umgeben bleibt.

Danke für dieses Lektüreerlebnis. Bewertungen sind obsolet. Bewertungen sind nicht möglich. Eigentlich.

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